06.01.2008 - 08.01.2008
06.
Das Pergamonmuseum besucht. Danach Mittagessen mit S. Später zum Flughafen gefahren, wo ich lange warten musste, wegen Nebels verspäteten sich die Flüge um Stunden. Sehr spät dann, Abflug nach Athen, endlich.
07.
Morgen in Athen. Mit M. nach Daphni. Ganz entschieden Byzanz....Der Ort ist bezaubernd. Wir besuchen das Kloster, geschlossen wegen Renovierungsarbeiten. Fahrt nach Eleusis. Das Land ist schön hier. Menschenleere Ausgrabungsstätten. Tempelbesuch.
Entscheidende Bedeutung dessen, was ich von Eleusis weiß. Weiterführen.
Im Museum wunderbare Stücke. Mittagessen in der Botschaft. Tiempo perdido.
Nachmittag. Agora. Theseion. Areopag; im kleinen Museum der Agora die Statuen von Heraklion, Athene, Herakles. Herakles, so kräftig und hart unter dem immergrünen Geißblatt. Dann steige ich auf den Hügel der Musen. Es wird schon dunkel.
Fahrt nach Piräus. Abendessen mit M. Merkwürdige Frau, verschlossen und dunkel, mit plötzlichen Ausbrüchen von Leben und Lachen. Dann zum Hotel, ohne M.
08.
Vormittag, Nationalmuseum, die Karyatiden. Alle Schönheit der Welt. Dann erneute Fahrt zum Hügel der Musen. Diesmal bei Tageslicht, von dort: die Kühnheit der Akropolis. Reizend. Phantastische Extravaganz. Nicht den Pantheon haben sie erbaut, sondern den Raum selbst.
Fahrt zurück nach Athen. Immer noch das gleiche Licht. Tanzendes, jubelndes Licht.
Abendessen mit M, heute so offen und leicht. Danach Drinks in der Bar Bedlam. Dann zum Hotel, mit M.
09.
Abschied von M. noch im Morgengrauen. Fahrt zum Flughafen. Maschine Richtung München-Arbeitsamt, fast überpünktlich diesmal. Abends daheim. Flasche Fusel auf entzündete Mandeln.
Freude.
Glück.
11.01.2008
Dave: "Mein Gott, es ist voller Sterne!"
18.01.2008
An einem sonnigen Nachmittag saß, gerade von einem Arztbesuch kommend, der einst umstrittene Performancekünstler Paul McCarthy in seinem Atelier in Los Angeles und betrachtete sein Inventar. Da waren literweise braune und rote Farbe, einige Barbiepuppen, drei modellierte, übergroße Butt-Plugs und große Mengen Plastilin, Latex, Gips und Metallpulverfarben. Doch McCarthy’s Glied war schlaff, und glaubte man den Doktoren, würde das auch so bleiben. Zudem plagte ihn eine ernstzunehmende Obstipation. Er war müde. Nach einer Weile stand er auf, und begann, einen Farbeimer nach dem anderen in den Abguss zu schütten, bis dieser ob der dicken Farbe überquoll. Doch auch daran konnte McCarthy keine Freude finden. Lange noch saß er einfach da. Mehrmals ging das Telefon, es war stets seine Frau, doch McCarthy ignorierte das Klingeln. McCarthy versuchte zu scheißen, doch ohne Erfolg. Er war nur noch voller Schmerzen. Er versuchte zu onanieren, keine Regung. Sein Körper hatte ihn verlassen, seine Arbeit war zu Ende.
Da wurde ihm das Herz gar zu schwer.
Ein menschliches Herz wiegt in etwa 0,5 Prozent des Körpergewichts, bei Erwachsenen hat es seine Eigenmasse zwischen 250-350 Gramm. Wird es ab einem bestimmten Alter stark belastet, kann es bis zu 500Gramm wiegen, dann ist das kritische Herzgewicht erreicht, man spricht dann von einer Hypertrophie. Von nun an können die Koronararterien nicht mehr mitwachsen, die das Herz mit Sauerstoff versorgen. Daraus erwächst die Koronare Herzkrankheit, die in Industrienationen häufigste Todesursache.
Wessen Herz zu schwer ist, sollte sich an einige Regeln halten.
So gilt es, sich möglichst salzarm zu ernähren. Milchprodukte, Gemüse und Obst sollten einen Grossteil der Ernährung ausmachen, Laugengebäck, Wurst, Sauerkraut und Salzgurken sollten hingegen gemieden werden.
Ein mäßiges Bewegungstraining sollte aufgenommen werden, Sport hingegen ist nicht ratsam.
Gegen Reisen ist nichts einzuwenden, jedoch sollte von langen Flugreisen sowie Aufenthalten in großer Höhe oder Gebieten mit hoher Luftfeuchtigkeit abgesehen werden.
Von Alkohol- und Nikotinkonsum ist gänzlich abzuraten.
Geschlechtsverkehr ist möglich, sollte aber den Körper nicht zu sehr belasten.
28.01.2008
In der Welt, wie wir sie gemeinhin verstehen, beginnt nichts jemals. Das ist eine schöne und zutiefst tröstliche Vorstellung. Aber die gleichen Dinge, die nie jemals begonnen haben, enden. Und manche spinnen sich nicht fort. Das vielleicht ist, was der absolut konditionierte 2008er-Mensch als Erfahrung noch immer nicht zu verwinden in der Lage ist.
So jedenfalls empfand K., als ihm klar wurde, dass seine Frau vor Jahren tatsächlich mit der Scheidung gänzlich aus seinem Leben verschwunden war, so empfand er beim Tod seines Vaters, so empfand er, als die Ärzte ihm Infertilität diagnostizierten (in seinem Fall trugen die Schuld linksseitige Varikozele). So empfand er am Grab seiner Nichte, so empfand er, als A. ihn bat, ihn niemals wieder anzurufen, so empfand er, nachdem seine Mutter ihn in Folge einer Verkettung von Missverständnissen zu ignorieren begonnen hatte, so empfand er, als eine Prostituierte ihn bestimmt anwies, zu gehen, so empfand er, als er eines Morgens als Käfer erwachte, K. empfand sogar so, als Italien in der Nachspielzeit in Führung ging. Man kann also sagen, dass K. ein Mann war, der auf Enden geradezu fixiert war, und so beschloss er eines Tages aus all der Enden Plural einen großen und letzten Singular zu machen. Wochenlang überlegte K., wie dies am schmerzlosesten von statten gehen könnte, Doch je länger er darüber grübelte, desto mehr Enden hatte er zu verkraften: zuerst fiel völlig unerwartet sein Zebrafink von der Stange und ward sofort tot, nur wenig später kam seine Putzfrau nicht mehr aus ihrem Weihnachtsurlaub zurück.
Da entschied er sich für Kaliumcyanid. K. arbeitete in einem Presswerk für Vinylschallplatten, und in dessen Galvanikabteilung war KCN in ständig verfügbar. K. entwendete erhebliche Mengen und recherchierte zu Hause auf einschlägigen Plattformen, wie man damit umzugehen hatte: ein User namens „Lastemotion“ gab ihm letzte, entscheidende Tipps, er bat K. dafür zu sorgen, dass
1. Dein Magen absolut leer ist, auch keine Getränke (abgesehen von Hilfsmedikamenten) und
2. Dein Magensäurespiegel möglichst hoch ist (viel Rauchen, scharfe Gewürze...)
K. befolgte diese Ratschläge. Als er endlich die Kapsel über seiner Zunge zerbrach, empfand er rein gar nichts.
08.02.2008 - 10.02.2008
18.02.2008
Das Schneetreiben.
Dietmar B. aus Tirschenreuth verbrachte seinen Sonntagabend mit seinem Bekannten, Michael R. aus Fuchsmühl, der ihn bereits am Nachmittag besucht hatte. Aufgrund des Schneetreibens, das gegen 18:15h einsetzte, überzeugte Dietmar B., von zwei Schoppen Wein bereits in gesprächige Laune gebracht, seinen Freund Michael R. davon, lieber nicht mehr zurückzufahren, sondern stattdessen auf Dietmar B’s ausfahrbarer Gästecouch zu übernachten. Nach dem Abendessen blieben die beiden noch lange am Tisch sitzen. Dietmar B. hatte eine zweite Flasche Wein geöffnet und zusammen erörterte man zunächst die Vor- und Nachteile der regionalen Küche (Vorteile: Würstl und Senf, Kartoffeln - Stichwort: Erdäpfelpfalz; Nachteile: kaum Weinanbau, Zoiglbier), später dann die Defizite jüngerer Generationen im allgemeinen.
Die Klage.
Michael R., Lehrer für Deutsch, Erdkunde & Sport am Tirschenreuther Stiftland-Gymnasium schickte seiner Klage voraus, dass es durchaus nichts Unerträglicheres gäbe, als das Lamentieren der Menschen, die sich als zu spät geboren wähnten (Stichwort: gute alte Zeiten), dennoch wünschte er, Michael, sich manchmal die alte BRD zurück - als besondere Wünsche führte dabei an:
Einen Saat mit drei, vielleicht fünf, höchstens jedoch sechs Fernsehkanälen. Eine FDP, deren Wählbarkeit man zumindest noch erinnerte. Studierende, die sich nicht bereits zu Studienzeiten an die Marktforschung verkauften. Verena Stefan. Talkshows, in denen rauchende Kulturschaffende zwanzig Minuten Zeit hätten zu antworten. Politiker, die niemals „Scheiße“ sagten (ausgenommen Allende im fernen Chile). Jugendliche, die ein wie auch immer geartetes Ziel vor Augen hätten.
Das Beispiel.
An dieser Stelle griff Dietmar B., der die bisherigen Ausführungen zumeist mit geschürzten Lippen und einem zustimmendem Presslaut quittiert hatte, erstmals in die Klage seines Freundes ein - war doch dessen letzter Punkt auch etwas arg fahrig geraten – und polterte: „So einen wie diesen Dieter Bohlen hätten wir doch damals direkt mal die Meinung geblasen!“ (Anmerkung des Autors: Diese Formulierung erscheint manchem möglicherweise etwas krumm, der Autor verspricht sich aber von der benutzten Terminologie durchaus einen Zugewinn an Lesern respektive Usern). Daraufhin führte Michael R., sich von seinem inzwischen in guter Trinkerlaune befindlichen Freundes nicht mehr verstanden fühlend, folgendes Beispiel an: Erst kürzlich, so der alleinstehende Gymnasiallehrer, sei er beim Aufräumen auf einen alten Band mit dem Titel: „Lernprozesse mit tödlichem Ausgang“ des von ihm sowieso sehr geschätzten Alexander Kluge gestoßen, in dem unter anderem die Geschichte der eigentlich bemitleidenswerten Bettine G. erzählt wird, einer jungen, etwas beschränkten, weil von Allem gelangweilter Frau, die versucht ihrem Leben in der nordhessischen Provinz durch Prostitution in Frankfurt am Main zu entkommen. Dieses an und für sich bemitleidenswerte, aber ja doch fiktive Geschöpf formuliere in jener Geschichte drei Erwartungen an das Leben, die er, Michael R:, für höchst beachtenswert hielte, nämlich:
1. dass etwas Reales geschieht.
2. dass man etwas/jemanden dauerhaft lieben kann.
3. dass man sich entäußert und dafür nicht betrogen wird.
Michael R. nahm nun noch einen abschließenden und tiefen Schluck und fügte hinzu: „hätte die bald schon studierende Jugend von heute auch nur annähernd solche Erwartungen wie die Prostituierte Bettine G. bei Alexander Kluge, sei man vom Untergang des Abendlandes wahrlich noch weiter entfernt als jetzt und von mir aus mit Dieter Bohlen heutzutage!“
Der Claim.
So sprach der inzwischen ebenfalls vom Alkohol stark in Wallung geratene Gymnasiallehrer Michael R. und stellte sein nunmehr leeres Glas entschieden und lautstark auf den Tisch seines Freundes Dietmar B. zurück, der daraufhin in seinem vielleicht hellsten Moment des Abends das Vorgetragene seines Freundes wie folgt kommentierte: „Michael, das ist der Anachronismus, bei dem jeder mit muss!“
Der Ausklang.
Nun entbrach freilich ein schallendes Gelächter, und ihm folgend Gespräche, die weiter erwähnenswert dem Autor nicht scheinen, der sich hier aber in aller Deutlichkeit der fiktiven Prostituierten Bettine G. bzw. ihren Erwartungen an das Leben anschließen möchte, denn was gäbe es wohl Schöneres, als das etwas Reales geschähe? Wohl nur, dass man etwas/jemanden dauerhaft lieben könnte, respektive die Möglichkeit, dass jemand einen selbst dauerhaft liebte.
03.03.2008
10.03.2008
Erinnern Sie sich noch...?
Neues aus der Rubrik "Heute vor 2000Jahren":
- Iulia Minor, die Enkelin von Kaiser Augustus wird, wie zuvor schon ihre Mutter und ihr Bruder vor ihr, wegen einer Affäre auf die Tremiti-Inseln, die noch unter Mussolini als Gefangenen-Insel genutzt wurden, verbannt. Ungeklärt ist nach wie vor, ob sie eine Affäre mit dem Senator Decimus Silanus oder mit dem ebenfalls verbannten Dichter Ovid hatte. Infolge ihrer Verbannung wird die Verlobung zwischen ihrer Tochter Aemilia Lepida und T. Claudius Nero Germanicus („Claudius“) aufgelöst. Claudius wird stattdessen mit Livia Medullina, der Tochter des Konsuls M. Furius Camillus, verlobt. Diese stirbt jedoch noch vor der Heirat.
- Wang Mang, amtierender Kaiser für den kindlichen Kronprinzen Ying Ruzi, besteigt selbst den Thron und ernennt sich zum neuen Kaiser von China. Damit endet die Ära der westlichen Han-Dynastie. Wang Mang begründet stattdessen die kurzlebige Xin-Dynastie, die nur 14 Jahre später, mit seinem Tod zu Ende geht und geprägt ist vom "Aufstand der roten Augenbrauen", einer Armee sich rot bemalender Bauern, die sich infolge eines von grossen Überflutungen ausgelöstem Notstandes organisiert, Wang Mang einige ostchinesische Provinzen abtrotzen kann und den Kaiser schliesslich beim Erstürmen seines Palastes tötet,
gestorben:
Marcus Valerius Messalla Corvinus, römischer General, später Schriftsteller, Literatur- und Kunstmäzen. (* 64 v. Chr.)
25.03.2008
Wird jetzt mal wieder kalt in Deutschland. Draußen und drinnen eh. Warten auf die Weltwirtschaftskrise. Warten aufs Ende der Moratorien. Warum eigentlich Moratorium fragt Adam. Wegen dieser Sache neulich, eigentlich nur eine Erinnerung an 1994, als man uns folgenden Schlachtruf gab: „Keine Arbeit, keine Liebe, kein Leben.“ 1994, als wir Arbeit noch nicht brauchten, an Liebe und Leben erst zu schnuppern begannen - deshalb freilich haben wir ja solche Slogans gebraucht, weil man lautstark in die Schlacht zieht. Jetzt Moratorium mit ArbeitLiebeLeben ausgehandelt. Deshalb Adam: Moratorium. Und weil’s so schön klingt. Aus der Zukunft winkt die Hauptstadt: Koste mich. Aber Adam, du weißt doch wie das ausgehen muss.
Erstmal aber Erklärungsnot beim Feldreporter:
Kerner: Woran hats gelegen, war das einfach der erwartet starke Gegner, oder haben sie bisher nicht auch zu wenig nach vorn gemacht?
Ich: Ja, das ist natürlich bitter. Die ersten zwölf, dreizehn Jahre hab ich eigentlich gut mitgespielt, auch mal Akzente gesetzt. Aber dann hab ich zuviel zugelassen, man darf das Leben natürlich auch nicht so einladen. Da muss man damit rechnen, dass man dann solche Dinger reinkriegt, wie ich jetzt nach 28 Jahren.
Kerner: Das ist natürlich auch psychologisch ganz schlecht, kurz vor der Halbzeit so in Rückstand zu geraten. Was sagen sie sich jetzt in der Kabine?
Ich: Ja, das wird nicht ganz einfach. Ich muss in der zweiten Halbzeit natürlich noch mal alles geben, da muss ich jetzt in die Offensive. Das wird natürlich jetzt schwer, weil der Gegner kann sich ja jetzt hinten reinstellen, aber ich sag mal: Im Leben ist alles möglich.
Kerner: Keine Angst, dass das Leben nun im eigenen Stadion kontert?
Ich: Klar, das kann natürlich passieren. Aber ich muss jetzt wirklich in die Kabine, solange noch Moratorium ist.
Kerner: Ja, dann wünsch ich ihnen, obwohl wir hier ja eigentlich neutrale Berichterstatter sein sollen, wünsche ich ihnen, und ich glaube, ich kann das auch aus Sicht der Zuschauer sagen, dass sie die richtige Taktik finden und würde mich freuen, wenn sie dann nach Abpfiff nochmal unser Gast wären.
Ich: Ja danke, schau ‘mer mal.
Kerner: Ja soweit die Interviews, eins wollen wir ihnen noch nachreichen, da haben sich nämlich, während wir uns hier unterhalten haben, im Gästeblock ganz unschöne Szenen abgespielt, ein paar Idioten sind ja immer dabei, sehen sie mal:
26.03.2008
‘68 – Auszüge aus der großen Podiumsdiskussion
Thema und Einstiegsfrage: Sieg oder Niederlage? Was bleibt von ’68?
Matthias Matussek: Keine Ahnung, ich war ja viel zu jung. Aber wir haben schon viel von denen gelernt. Wir haben zum Beispiel in den Siebzigern Lederjacken getragen und uns ganz schön angetörnt, mit LSD und so...
Götz Aly: Das geht ja völlig am Thema vorbei. Sie können das alles in meinem Buch nachlesen: Das hatte alles ganz elitäre, narzisstische, ja, faschistische Züge, was da veranstaltet wurde. Das gehörte, wenn sie so wollen, als eine Art Spätfolge sogar noch zum Faschismus dazu. Das Buch ist übrigens bei S.Fischer erschienen. Also ganz klar gescheitert, und zwar sozusagen schon in der Entstehung.
Rainer Langhans: Nee, Götz, nee. Wir haben doch gewonnen. Guck doch mal: Dieses Deutschland ist doch eine einzige große Kommune geworden: Wilde Ehen, Multikulti, Gender-Debatte und so weiter, das sind alles so Etiketten, aber das ist doch genau das was wir wollten! Das ist 68! Das ist der neue Mensch! Und der ist sinnlich! Alles gewonnen, das will nur keiner zugeben!
Peter Schneider: Ach wissen Sie, Ich bin ja jetzt selber 68 Jahre. Aber ich seh das skeptischer. Wissen Sie, ich hab ja damals radikale Sachen geschrieben. Aber das find ich gar nicht so schlimm. Schlimm war doch auch gar nicht der Vietnamkrieg, schlimm war zum Beispiel, dass das Betreten von Rasenflächen verboten war! Und dieses Verbot war sogar verankert in der Verfassung! Das muss man sich mal vorstellen! Und da haben wir natürlich was verändert, wissen sie: das waren die kleinen Dinge!
Matussek: Also für uns, die wir etwas später kamen, da war ja der Rasen sozusagen schon gemäht, das war eben auch ganz wichtig, dass wir durch ‘68 Zugang zu all der revolutionären Literatur hatten: Goethe und solche Dinge! Und dann das Theater!
Langhans: Ach Matthias, das sind ja jetzt wieder nur diese künstlerischen Dinge. Aber darum ging es uns doch gar nicht. Wir wollten doch sinnliche Erfahrung! Das steht zum Beispiel auch in meinem neuen Buch: Wie ich mit Uschi Obermeier den einzigen Orgasmus meines Lebens hatte. Das war, ja wie soll ich sagen: das war kosmisch! Aber dann habe ich echt Zölibat gemacht: fast 20 Jahre ohne Sex! Da bin ich ein ganz neuer, sinnlicher Mensch geworden. Da pumpt man, was sonst unten raus kommt, quasi oben rein! In den Geist! Und das lohnt sich! Das solltet ihr auch mal machen, dann werdet ihr auch neue Menschen! (faltet die Hände vor der Brust und lächelt ins Publikum)
Schneider: Ach wissen Sie, ich bin ja jetzt selber schon 68 Jahre alt, das schaff ich nicht mehr. Und eure Kommune, ach, das war doch Angeberei. Ich wart doch gar nicht so freizügig, das ganze Gerede von freier Liebe....
Langhans: Aber das waren doch gar nicht wir! Das war doch die Presse! Die haben doch gefragt, ob das bei uns wirklich so sei: „wer zweimal mit der Gleichen pennt...“ Und dann haben wir einfach gesagt: "Ja! Das ist bei uns so!", wir wollten ja bloß neue Menschen sein. Bei uns war das auch ganz egal, ob man zum Beispiel Mann oder Frau war. Wir wollten doch alle nur Menschen sein: sinnliche neue Menschen!
Aly: Das ist ja eben auch so ein kritischer Punkt: Die Frauenbewegung hat ja mir unserer ..äh, eurer Bewegung gar nichts zu tun! Die war ja eine Reaktion auf euer 68, denn da gab es ja genauso patriarchische Strukturen wie zum Beispiel davor bereits im Faschismus.
Schneider: Wissen Sie, da haben Sie gar nicht so unrecht, 68, das waren so ein, zwei schöne Jahre, und dann gab es auf einmal so eine linguistische Umwälzung, da wurden dann auf einmal diese marxistischen Termini gebraucht, wie Arbeiterklasse statt Arbeiter. Oder Revolution statt Rebellion. Das war ja schon der Anfang vom Ende, da kam dann die Hydra der 68er, nämlich die Siebziger Jahre: die K-Gruppen, die Esoteriker, die Maoisten....
Aly: Sag ich doch: Alles Faschisten!
Matussek: Nee, also gerade in den siebziger Jahren, also in Berlin, da haben wir uns doch hauptsächlich zugedröhnt und Led Zeppelin gehört. Da war ich ja neulich auch bei dem Konzert, das war toll, da hab ich extra vom Dachboden....
Aly: Aber aus Ihnen Herr Matussek, verzeihen Sie, aber Ihre Thesen zum Patriotismus, also mit Verlaub: Sie sind ja nun das beste Beispiel dafür, wohin 68 auch geführt hat: In die gegenwärtige Fähnchenschwenkerei und...
Langhans: Frieden Leute. Wir wollten doch gar nicht politisch sein. Und das mit den Fahnen heutzutage, das ist doch nicht politisch, das ist doch, na, so ein Ausdruck von Euphorie, das ist doch Erlebnis, also auch sinnlich!, Da haben wir doch gewonnen! Guckt doch mal: Sogar Frauen schwenken heute Fahnen beim Fußball! Und wir haben eine Kanzlerin! Aus der CDU!
Matussek: Da hat der Meister ja auch mal was gedichtet, darf ich? :
Ich kannte einen jungen Mann,
dem hat‘s der Türspalt angetan,
Einst trieb er's mit der Ritze,
da schlug der Wind die Türe zu-
seither wählt er CSU!
(allseits gequältes Gelächter)
Langhans: Gewonnen! Gewonnen! Gewonnen!
05.04.2008
Pop-Zitat aus aktuellem Anlass:
„And is this what you wanted? To live in a house, that is haunted by the ghosts by you and me?“
08.04.2008
In der Reihe „Unnützes Wissen“ soll heute von Erich Honecker gesprochen werden, und zwar in seiner Rolle als liebender Großvater. 1974 gebar seine Tochter Sonia ihm einen Enkel, Roberto, den Honecker über alles liebte und verwöhnte.
Im September 1979 flohen die Ehepaare Strezyk und Wetzel mitsamt ihren Kindern aus Pößneck vom thüringischem Oberlemnitz ins bayerische Naila - und zwar in einem eigens genähten Heißluftballon. Da nun das Ost-Sandmännchen nur wenige Wochen zuvor ebenfalls mit einem selbstgebauten Heißluftballon über den Trickfilmwald gereist war, wurden Vorwürfe laut, nach denen der äußerst vielseitige Fuhrpark des Sandmännchen eine getarnte Ideenhilfe für Republikflüchtlinge sei. Die Macher der Sendung wandten sich in ihrer Verzweiflung an Honecker selbst. Tatsächlich wollte der seinem halb-chilenischen Enkel Roberto, der die Reisen des Sandmanns täglich und mit großer Leidenschaft verfolgte, ein Ende der Fernsehreihe nicht antun und verfügte, sämtliche Vorwürfe gegen die Redaktion fallen zu lassen.
Anfang der Achtziger Jahre wurde Erich Honecker zum zweiten Mal Großvater. Doch die Enkelin starb bereits in frühem Kindesalter an schwerer Krankheit. Honecker wusste diesen Verlust nur schwer zu überwinden. Zuerst wurden die behandelnden, jedoch machtlosen Ärzte auf höchste Weisung hin ihrer Stellen enthoben, dann begann der Staatsratsvorsitzende sich der Trauerarbeit zu widmen. Während seiner Fahrten durch Berlin wünschte er zweimal wöchentlich zum Pankower Friedhof zu fahren, wo seine Enkelin in einer abgelegenen Ecke begraben lag. Dort trauerte er, und ab und zu zupfte er eigenhändig das Unkraut oder pflanzte ein paar Blumen. Ein Gartenschäufelchen hatte er zu diesem Zwecke selbst besorgt. Die Fahrten freilich geschahen abweichend vom Protokoll und stellten vor allem den stets mitreisenden Personenschutz vor Probleme, schließlich waren die spontanen Routen nicht gesichert. Einige Monate nach dem Tod seiner Enkelin kaufte Honecker eine große gläserne und selbstredend wertvolle Vase. Diese brachte er eines Abends mit zum Friedhof und stellte sie, mit Blumen gefüllt auf das Grab. Nur einen Tag später wollte er seine verstorbene Enkelin erneut besuchen. Einer seiner Personenschützer rief im Vorfeld des Besuchs geistesgegenwärtig beim Friedhof an, da er vermutete, die kostbare Vase sei bereits gestohlen worden. Das war sie natürlich und so wurden schnellstens einige baugleiche Vasen bestellt und in der Kapelle des Friedhofs zu Pankow gelagert. Von nun an brachte vor jedem Besuch des trauernden Staatschefs ein informierter Friedhofswärter eine der Vasen zur Grabstätte - und kaum war Honecker wieder fort, holte der Wärter die Vase wieder ab: denn nur so konnte Honecker trauern in dem Bewusstsein, in einem Staat und System ohne Kriminalität zu leben, wie es bis zuletzt seine tiefe Überzeugung blieb.
14.04.2008
Wer als Schreibender ernst genommen werden will, der muss, das scheint mir eine Regel des Marktes zu sein, seine privaten Korrespondenzen veröffentlichen. Als Adressaten eignen sich berühmte Schriftsteller, Ehefrauen, Geliebte, der Vater und die Mutter. In Ermangelung der ersten drei Kategorien wähle ich die Mutter. Und weil Größenwahn mir fern liegt, möchte ich auch zunächst kleine Brötchen backen. Deshalb hier die Serie: Fünf Kunstpostkarten an meine Mutter.
Jürgen Klauke
Das menschliche Antlitz im Spiegel soziologisch-nervöser Prozesse
1976
Liebe Mutter,
es hat etwas gedauert, bis ich mal wieder im Museum war, wo sich ein jeder bekanntlich Postkarten kauft. Ich bin nun beim BR, der Unglaubliches von mir verlangt: Nachts soll ich schlafen und tagsüber will er meine Sprache verstümmeln, zu solch einer beschnittenen, knallenden Radiosprache. Deshalb auch diese Karte. Radiomenschen nämlich sehen im Spiegel soziologisch-nervöser Prozesse eher so aus wie umseitig Richter, Beamte oder Bullen. Der letzte Satz war im Übrigen schon zu lang, um ihn in einem Radiobeitrag zu bringen. Sagen Die. Deshalb lese ich morgen beim Sprachtest Arno Schmidt vor.
Ich hoffe, der Kaltenburg hält, was er Dir versprach?
Joseph Beuys
zeige deine wunden
1974-1976
Liebe Mutter,
umseitige Installation wurde seinerzeit als „der teuerste Sperrmüll aller Zeiten“ bezeichnet. Dabei ging es Beuys um nichts weniger, als ein neuzeitliches Memento Mori zu schaffen, nämlich eines, das nicht nur an Krankheit und Sterblichkeit gemahnt, sondern auch die Möglichkeit der Heilung mit einbezieht. So hege ich den Verdacht, dass Beuys gar nicht der Schmerzensmann der Kunst gewesen ist, sondern in Wahrheit ein hoffnungsvoller Zeitgenosse. Man denke nur an seinen unvergesslichen Schlager „Sonne statt Reagan.“ Wir lernen: Wer geheilt werden will, muss seine Wunden zeigen! Ach, diese Siebziger!
Gerhard Richter
192 Farben
1964
So ein Großkotz, dieser Richter! Nachdem er jahrelang Fotos abmalte, zeigte er der ihm längst ergebenen Kunstwelt, wie viele Farben er so anmischen konnte. Und warum? „Ich hatte diese Scheißmalerei satt, und ein Foto abzumalen, erschien mir das Blödsinnigste und Unkünstlerischste, was man machen konnte!“ Immerhin hatte er immer gute Gründe für das, was er tat. Im BR hätte er diesen Satz so nicht sagen können. ER verstößt gegen Regel #10: Keine Angst vor Füllwörtern! Sowie gegen Regel #21: Scheiße sagt man nicht! Ich wünsche also schließlich noch einen recht schönen Tag! c.
Gerhard Richter
4096 Farben
1974
...10 Jahre später hatte er schon 4096 Farben beisammen. Nur wenig später sollte er wieder Fotos abmalen. Und warum? „Weil beim einfachen Abmalen – eben doch gewollt oder ungewollt – etwas dazukommt, etwas, was ich selbst nicht kapiere.“ (Wieder eine Spitzenbegründung, diesmal ohne Fluchen und mit immerhin einem Füllwort.) Darüber hinaus habe er nun doch so eindrucksvoll wie möglich bewiesen, dass er gar nicht wisse, wie man Farbfelder hätte sinnvoll anordnen können. bestes! c.
Jenny Holzer
Protect Me From What I Want
1991
Diesem Satz habe ich eigentlich nichts hinzuzufügen.
12.05.2008
„Warst du böse?“
„Ja war ich.“
„Was hast du gemacht?“
„Alles kaputt.“
„Macht nichts.“
„Warum?“
„Nichts darf heil bleiben.“
„Ach ja, hatte ich vergessen“
„Du musst jetzt mal bisschen aufpassen“
„Worauf?“
„Auf dich. Du siehst nämlich kacke aus.“
„Was hab ich?“
„Augenringe und Zeug“
„Na und?“
„Was, ja und?“
„Wieso muss ich dann aufpassen?“
„Weil du überhaupt irgendwie scheiße wirst“
„Wie, Scheiße werd?“
„Einfach scheiße eben.“
„Was ist das denn überhaupt für ein Dialog?“
„Gar keiner, das ist einfach alles nur ein großer Scheiß mit dir.“
„Ja, vielleicht.“
„Prima, dann sind wir uns einig!“
„Gibt es denn noch was zu tun heute?“
„Nein nichts mehr.“
„Gar nichts mehr?“
„Nee, glaub nicht.“
„Na dann, was sagen die Anderen?“
Nils sagt: „Immer dieses unverbindliche Herumgeirre.“
Und Rainald sagt, „mehr ist mehr und weniger weniger“.
Die Kassiererin fragt, ob du die Bonus-Herzen sammelst.
(Wenn Menschen erst geklont werden, dann können sie mit sich selber schlafen, wie kann man da dagegen sein?)
„Ja, ich melde mich mal“ sagt Isabelle.
(Meine Schwester Unsicherheit, sie bekommt vermutlich Zwillinge.)
„Ich weiß nicht, das hört sich jetzt, also das soll jetzt nicht, aber irgendwie...“ stammle ich. „Ich wollte eigentlich schon vor fünf Minuten sagen...“ sagst du.
(Warum ist der Typ da drüben eigentlich nackt?)
Martin erzählt wie es wirklich war, und Alexander sagt: „Nichts ist langweiliger als die Wirklichkeit“
(da hat er Recht.)
Valerie hingegen schweigt, sie beobachtet nur alles.
(Sie ist so klug.)
„Wir haben noch ein ganzes Leben Zeit“ sagt das Mädchen aus dem anderen Land, aber sie meint es wohl nicht so.
(Überall sind Monster. Sogar auf der Bettdecke.)
(Was ist jetzt mit dem nackten Typen?)
„Jetzt hältst du es nicht mehr aus“ sagt Tobias an Loch Siebzehn.
(Stimmt.)
Und Axel sagt, ich sähe irgendwie scheiße aus heute.
Aber Leonard sagt, „maybe you touched a perfect body with your mind.“
Erfrieren tut nicht so weh. Verbrennen dagegen ist unangenehm heiß.)
(Wo runterfallen passiert schnell im Dunkeln, aber man muss schon aufpassen, dass es nicht zu lange dauert.)
(Hackbraten ist ein Gericht für Nazis.)
(Orthodoxie ist ein Naturgesetz, dagegen kannst du gar nichts machen.)
„Was machst du morgen?“ frage ich,
„Verreist auf unbestimmt bis immer“ sagst du.
David trinkt heute mal wieder zuviel.
(Das ist das beste am Alkohol, sagt er, du schläfst halt einfach ein bevor du ganz verrückt wirst.)
Und Patrick meldet sich überhaupt nicht mehr.
(Nichts geht vorbei. Alles bleibt auf seinem Platz.)
Denen da draußen ist das Alles egal. Lieber gehen sie zum Fluss. Da legen sie sich hin oder essen ein bisschen was. Oder sitzen einfach da und gucken aufs Wasser.
„Die Enten...“ sagt Katharina.
17.05.2008
Sehr geehrte Frau F.
Ich bin überglücklich Ihnen mitteilen zu können, dass ich die Arbeit an der Komposition zu ihrem Text nun aufnehmen kann. Die Kur im Österreichischen hat durchaus ihre Wirkung getan, so dass ich mich endlich in der Lage sehe, ihrem Text eine angemessene musikalische Entsprechung zu verleihen. Bitte schicken sie mir erneut ihr Manuskript, da man mir mein Exemplar in der Klinik abgenommen hat.
Ihr Ihnen ergebener B.
Sehr geehrter B,
Ich freue mich, Sie bei guter Gesundheit zu wissen. Ich schicke ihnen hiermit erneut das Manuskript zu. Ein persönliches Treffen schiene mir dennoch ratsam, da nun doch einige Monate vergangen sind, und ich noch Änderungen vorgenommen habe.
Mit besten Wünschen,
F.
Teuerste F.
Ich danke Ihnen für die erneute Überlassung Ihres Textes. Verzeihen Sie, dass meine Antwort so lange auf sich warten ließ, aber ich fühle mich zu einem persönlichen Gespräch derzeit nicht in der Lage.
In der Zwischenzeit bin ich schon gut vorangekommen. Für den ersten Akt habe ich bereits ein Thema im Kopf. Auch für das finale Ableben ihrer Protagonistin sind bereits Ideen entstanden, die unentwegt mir durch den Kopf gehen. Bitte schicken sie mir umgehend zweihundert Bögen Notenpapier Schweizer Fabrikats, sowie zwei Dutzend Bleistifte höchster Qualität in der Stärke 3H.
Mit vorzüglichen Grüßen,
B.
Sehr geehrter B.
Wie geht ihre Arbeit voran? Sehr gerne würde ich erste Töne hören. Die Bleistifte und das Notenpapier müssten Sie bereits erhalten haben?
Bitte antworten Sie doch bald, erwartungsvoll, ihre F
Geschätze F,
Die Bögen, die Sie mir sandten, sind mit einem dualen Notensytem bedruckt. Für meine Arbeit brauche ich selbstverständlich ein einfaches Notensystem. Bitte senden Sie die richtigen Bögen möglichst bald. Da ich ausschließlich auf meine Komposition konzentriert bin, ausschließlich darauf konzentriert sein muss, möchte ich Sie an meinen ersten Vorschuss in abgemachter Höhe erinnern.
B.
Sehr geehrter B.
Ihr Vorschuss ist bereits angewiesen. Ich bitte Sie zur Kenntnis zu nehmen, dass dies gegen unsere Abmachungen verstößt. Wie geht Ihre Arbeit voran und wann kann ich erste Themen hören?
Hochachtungsvoll, F.
Sehr geehrter B.,
Die von ihnen geforderten Bögen Notenpapier konnten nicht zugestellt worden, da sie nicht anzutreffen waren.
Ihre F.
Liebe F.
Bitte sagen Sie ihrem Kurier, er soll das Päckchen mit dem Notenpapier vor meiner Haustüre ablegen und nicht versuchen, es mir persönlich zu übergeben. Jedweden Kontakt zu Menschen bin ich im Moment zu verkraften nicht in der Lage, da ich doch ganz in meiner Arbeit bin.
B.
Sehr geehrter B.
Ich habe nun seit zwei Monaten nichts von Ihnen gehört. Ich habe bereits versucht, sie zu besuchen, doch Sie waren nicht anzutreffen. Bitte geben Sie mir ein Lebenszeichen.
Ihre F.
Sehr geehrte Frau F.
Der Meister B. hat mich angewiesen, ihnen diese Zeilen zukommen zu lassen. Der Meister leidet unter einer Tuberkulose und hat mich deshalb aufgesucht. Zum jetzigen Zeitpunkt sei ihm weitere Arbeit unmöglich, da sie in seinen Tod führte. Er fordert zu mehr Geduld auf und bittet Sie darüber hinaus um einen weiteren Vorschuss, um die Kosten, die ihm bei uns entstehen, decken zu können.
Hochachtungsvoll, Prof. Dr. Bigenzahn
Sehr geehrter Prof. Dr. Bigenzahn,
Den Betrag, den Ihre Klinik für die Behandlung B’s erhoben hat, habe ich angewiesen. Bitte teilen Sie B mit, dass weitere Vorschüsse und Kosten von mir nicht mehr übernommen werden können, sofern mir erste Ergebnisse seiner Arbeit nicht vorliegen.
Hochachtungsvoll, F.
Sehr geehrte Frau F.
Herr B. ist seit geraumer Zeit nicht mehr bei uns in Behandlung. Wir haben ihn überwiesen. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich ihnen Näheres nicht mitteilen kann, da ich meiner ärztlichen Schweigepflicht unterliege.
i.V. Dr. Blauensteiner
F,
Ich kann ihnen meinen derzeitigen Aufenthaltsort nicht mitteilen. Bitte versuchen Sie nicht, mich aufzuspüren. Es wäre sinnlos. Ich habe ihr Manuskript teilweise neu geschrieben, es schien mir doch erhebliche Schwächen zu haben. Ihr trister Naturalismus ist mir unerträglich. Dieses Irdische, Allzuirdische wird meiner Musik, die nach Höherem, ja, Himmlischen strebt, nicht gerecht. Die Oper wird in der neuen Fassung mit dem Tode der Protagonistin beginnen, woraufhin es zur Vereinigung mit einer germanischen Gottheit kommen wird, dessen Tochter die Protagonistein, wie sich herausstellt, ist. So wird der neue Mensch erschaffen. So wie ich nun aus eigener Kraft der neue Mensch geworden bin. Die Fanfaren dazu, ich kann sie bereits hören, höre sie immerzu. Es wird ein überwältigendes musikalisches Erlebnis, gleich einer wahren Himmelfahrt. Eine Musik, wie Sie die Welt noch nicht kennt. Eine wahrlich außerirdische Musik. Ich benötige dafür mehrere Orchester. Deshalb F, beginnen Sie mit dem Bau eines Festspielhauses, diese Oper braucht einen eigenen Ort, einen, an dem nichts außer meiner himmlischen Musik sein kann, einen, der eine Heimat ist für den neuen Menschen. Bauen Sie ein Festspielhaus, am besten im Österreichischen! B.
20.05.2008
Ich kann dich nicht mehr wiedersehen.
es tut mir leid. es wird nicht gehen.
mir tut es leid, aber
ich glaube wohl, dass es so am besten ist für mich
und vielleicht auch für dich, das
weiß ich aber nicht
so genau
ja woher denn auch
soll ich das wissen
ich weiß ja eigentlich rein gar nichts
von dir. außer
dass du mich nicht willst aber
ich dich
und jetzt denke ich also dass es das beste ist wenn
wir uns nicht mehr wiedersehen,
ja,
willst du denn gar nicht wissen warum?
wir könnten uns ja treffen, dann kann ich dir erzählen
warum
aber das werd ich nicht, stattdessen könnten wir
einen schönen abend haben
und vielleicht lachen wir dann auch und haben
uns ein bisschen gern
und dann wär alles beim alten, was immer
noch besser gewesen ist als das jetzt
denn jetzt
ist alles gar nichts mehr, so ganz und gar
nichts mehr.
22.05.2008
"Was machst du denn dann im Juni?"
"Da gehe ich erstmal auf Kur. Bis zum 20. Und dann bring ich noch einen Tag das Altglas weg, also bin ich ab dem 22. wieder da."
04.06.2008
stupid duck
i'll kill ya!
you're such a stupid duck
i think i'm gonna kill ya.
i really think you suck, duck.
oh my,
you'll die.
Die!
Die!
Die!
Oi!
Oi!
Oi!
quäk.
quäk.
quäk.
(poem)
10.06.2008
Neulich im dctp-Fernsehen: Kant widerlegen mit Heiner Müller und Alexander Kluge:
MÜLLER: Bei Kant habe ich sowieso ein gestörtes Verhältnis, weil ich hab mit zehn Jahren zum ersten Mal Kant gelesen und zwar - das hatte mein Vater da rumstehen - und das war "Metaphysik der Sitten". Und ich hab natürlich als erstes das Kapitel über die Onanie gelesen. Das hat mich tief gekränkt, weil der fand die absolut verwerflich und überhaupt das Letzte und Menschenunwürdigste, was es gibt...
KLUGE: Wie begründet er das?
MÜLLER: Das ist gegen die Naturgesetze, gegen Gottes Verfügung...
KLUGE: Wenn die Natur dem Menschen die Zeugungsfähigkeit gegeben hat, dann ist es verwerflich ist, sie nicht zu benutzen.
MÜLLER: Genau, das hat mich tief beunruhigt damals. Und dann war ich so glücklich, daß ich Jahre später irgendeine Anekdote gelesen habe, dass Kant angeblich jede Woche einmal oder sogar öfter an der gleichen Eiche in dem Park, in dem er immer spazierenging, onaniert hat. Das hat mich dann wieder beruhigt. Von da ab habe ich mich für Kant nicht mehr so sehr interessiert.
KLUGE: Er war widerlegt.
MÜLLER: Er war widerlegt, ja.
12.06.2008
Nun, sagte der Rabbi, nun wollen wir auseinander gehen.
Dann noch einen schönen Tag, sagte Kaiser, der nicht wusste, wie man einen Rabbi verabschiedet. Kaiser ging. Erst die Plöner Straße hinunter, über die Marktwiete bis zu sich nach Hause. Kaiser lebte in einer dieser wenig frequentierten Nebenstraßen, 30 Zone, Wendehammer. Im Sommer waren hier einige Ferienwohnungen vermietet, aber jetzt nicht mehr. Kaiser mochte das. Hochsaison, Nebensaison - das waren immer Kaisers Gezeiten gewesen. Im Kindesalter war ihm das nie aufgefallen. Als junger Mann aber war der Sommer immer ein Versprechen gewesen, im Sommer, wenn der Strand sich füllte mit gelangweilten Töchtern, und er, Kaiser, saß auf seinem weiß gestrichenen Hochsitz, und besah sie sich alle, sah sie sich bräunen, sich langweilen, sich eincremen, sah sie Ausschau halten. Aber nicht einmal hatte er eingreifen, nicht einmal jemanden retten müssen. An einem Meer, das keine Gezeiten kennt, gab es nicht viel zu tun für einen Rettungsschwimmer. Kaiser hatte dann im Alter von 26 Jahren die Stelle des Bademeisters im Hohwachter Freibad übernommen. Denn schwimmen konnte Kaiser, so schnell wie kein anderer im Ort, auch nicht in den umliegenden Gemeinden Behrensdorf, Panker oder Kalifornien. Schon als Kind war er allen davon geschwommen. Kaiser orientierte sich nicht an seinen Mitschülern, er notierte sich stattdessen die Bestmarken der Profis. 400 Meter Freistil war er mal in 04:30:26 min geschwommen, das war damals, Kaiser war einundzwanzig, nah dran am Profisport. In dieser Zeit ließ sich Kaiser einen Vollbart wachsen, den er auch jetzt noch trug, auf dem Weg nach Hause, jetzt, als Jude, der er seit wenigen Tagen war. „Würde mich nun einer fragen, warum ich denn konvertiert bin, ich wüsste gar nicht zu antworten“ dachte Kaiser, während er nach dem Schlüssel kramte. Aber gottlob fragte ja keiner.
Das Freibad war Kaisers Reich gewesen, er war nicht nur Bademeister, er gab auch sämtliche Schwimmkurse, und das waren gar nicht wenige, denn jedes Jahr kamen die Kinder der Urlauber und Kaiser lehrte sie alle schwimmen und tauchen. Er verteilte Schwimmflügel. Er warf Tauchringe an der Zweimeter-Markierung. Er vergab Seepferdchen und Freischwimmer, manchmal sogar das silberne Abzeichen. Jedes Mal in einer chlorgeschwängerten Zeremonie, in denen er nicht an Scherzen sparte. Auch war Kaiser maßgeblich beteiligt gewesen, als man Anfang der Achtziger Jahre aus dem einfachen Freibad ein Wellenbad gemacht hatte. Im Winter 1981 wurden Verdrängungskörper mit pneumatischem Antrieb im Freibad von einer Kamener Firma installiert. Kaiser glaubte, dass dieser Schritt ohne sein Drängen niemals vollzogen worden wäre. Und was das für den touristischen Standort Hohwacht an der Ostsee bedeutet hätte, nun, hätte man Kaiser dies gefragt, jetzt, als er die Nachttischlampe anknipste, Kaiser hätte weit ausgeholt. Aber es fragte ja niemand. Kaiser stand im Schlafzimmer und zog seine Hose aus. Dabei verlor er, der Schwimmer, niemals die Balance wie andere Leute. Draußen begann die erste Septembernacht, es war dunkel, es war der letzte Tag gewesen, der letzte Tag der Wellenbad-Saison, der letzte Tag für Kaiser als Bademeister. Kaiser spiegelte sich in der Scheibe seiner Balkontür. Er trug blaue Boxershorts. Er hatte stark behaarte Beine. Kaiser mochte das. Sah sich an. Fragte sich, ob er nun, da er Jude sei, beten müsse zum Abend, oder irgend so etwas. Sah sich an, fuhr sich durchs Haar. Sah sich an, legte seinen Penis von rechts nach links. Sah sich einfach an.
Jeden Tag, zu jeder vollen Stunde war er in die Kabine gegangen, hatte den gelben Knopf gedrückt und dann durchs Mikrofon gesagt: "Achtung! Wellen!" Zweimal hintereinander: „Achtung! Wellen!" Bei guter Laune verzögerte er die Durchsage ein wenig. Die Wellenmaschine begann dann unangekündigt zu pumpen und Kaiser hoffte auf verwirrte Kurgäste, die sich den Strom unter den Füßen nicht erklären konnten. Und hoffte sie dann mit seiner Ansage: „Achtung! Wellen!“ zu erlösen.
1997 gründete sich die jüdische Gemeinde Hohwacht. Es wurde ein bescheidenes Gemeindehaus errichtet. Auf ein Reetdach wurde aus Kostengründen verzichtet. Aber es kamen von nun an neue Urlauber. Jüdische Urlauber. Eine von ihnen war Judith. Judith war 31. Kaiser nahm ihr die Rettungsschwimmerprüfung ab. Zwei Wochen trainierte Judith unter seiner Aufsicht im Freibad. Sogar außerhalb der Öffnungszeiten. Kaiser stellte dann einen besonders starken künstlichen Wellengang an. Judith bewegte sich im Wasser außergewöhnlich grazil. Während des Wellenbetriebs stürzte sie sich vom Dreimeterbrett und glitt durchs Wasser. Mein kleiner Aal, hatte Kaiser gedacht. Er war 25 Jahre älter und Bademeister. Judith schrieb ihre Dissertation. Judith war jung. Judith war hübsch. Kaiser nicht. Nun, er hatte gute Beine. Judith lächelte, als sie ihren Rettungsschwimmerschein entgegennahm. Ob man sich im nächsten Sommer wieder sähe, fragte Kaiser. Dann reiste sie, zusammen mit ihren Eltern ab. Vier Tage später ging Kaiser zu jüdischen Gemeinde. Er wolle konvertieren, sagte er.
Jetzt waren die Gezeiten vorbei. Keine Hochsaison mehr. Keine Kurgäste. Keine alten Frauen mit Badekappen, die von der Wellen auf und ab getragen wurden. Überhaupt: Keine Wellen mehr. Kaiser schlief ein.
Am nächsten Morgen öffnete er die Balkontür. Der Himmel war ganz blau, und die Luft duftete nach Brombeeren.
19.06.2008
1,2,3,4, rein in den Diskurs, du Schwabbelblase. Design mir mal meine Atmosphäre, Peter. Und lies halt noch mal die Schaummetapher vor. Raus aus der Gesellschaft! Rein ins Gewebekonglomerat! Halt mal dein Pneuma an, du Klugscheißer!
Überhaupt, sagte sie an dieser Stelle, überhaupt weiß ich gar nicht, worauf du hinaus willst.
29.07.2008
utopia.de
Karl stand vorm Zeitungskasten. Die Bildzeitung gab Tips, wie man die gegenwärtige Hitze am besten überstünde: Schlaf, Kleidung, Ernährung, Sex. Geschlafen und Sex gehabt hatte Karl in letzter Zeit eher nicht, gegessen und sich gekleidet hingegen mehrmals täglich. Doch das war eigentlich auch gar kein Grund zur Klage, dachte Karl, denn andersrum: nackt zu verhungern wäre doch auch gar nicht so schön. In der Tat lag eine unangenehme Schwüle in der Luft, selbst hier vor dem Zeitungskasten im Schatten der großen Pappel. Was Karl gar nicht mochte: wenn einem allein vom Nichtstun klamm unter den Achseln wurde. Einmal hatte er sich das Achselhaar deswegen gänzlich abrasiert, aber das hatte nur dazu geführt, dass der Schweiß direkt ins Hemd eingezogen war und das machte dann unschöne Flecken, das mochte Karl auch nicht gerne. Überhaupt, befand Karl, macht der Sommer die Menschen zu ganz und gar abscheulichen Wesen, aus all ihren Poren sickert es dann aus ihnen heraus und es riecht seltsam, unter den Haaren, in der Pofalte und an den Füßen. Im Sommer deckte sich, wenn er schlafen ging, auch nie vollständig zu, sondern ließ die Füße immer unbedeckt, damit sie nachts nicht schwitzten. Karl hatte vor kurzem erst gelesen, wie viel Schweiß ein Mensch während des Schlafens so absondert, und das ist eine gewaltige Menge, eine so gewaltige Menge - nämlich zwischen 250 und 750ml pro Nacht - dass sie sicher auch nicht einfach so im Laken versickert, sondern sich regelrecht in die Matratze frisst. Experten fordern daher seit jeher, Matratzen alle acht bis zehn Jahre zu wechseln. Karl schlenderte weiter Richtung Gelateria und rechnete: Bei einem angenommenen Schweißabsonderungsmittelwert von also 500ml pro Nacht hätte man nach zehn Jahren 1825 Liter im Schlaf verschwitzt. Und davon ausgehend, dass davon die Hälfte in der Luft verdunstete oder in der Bettdecke landete, zogen also immer noch über 900 Liter in die Matratze. Da war Karl dann doch froh, dass er diesen Sommer so wenig schlief und keinen Sex hatte, denn wäre es anders, dann würden auf seiner Matratze ja zwei Personen schlafen, die schon vorher beim Beischlaf erheblich schwitzten, und dann wären das in zehn Jahren bei täglichem Beischlaf sicher an die 16000 Liter (zum Vergleich, ein gewöhnlicher Tanklaster hat ein Fassungsvermögen von 10.000 Litern) davon wohl etwa 8000 Liter in die Matratze, das macht pro Sommer 400 Liter Schweiß, die diesen Sommer nicht in Karls Matratze sickerten, also erhöhte sich die Lebensdauer von Karls Matratze in diesem Sommer um gute zwei Jahre. Das ist doch auch was, dachte Karl, und er hätte das noch viel weiter denken können, wenn nicht auf einmal ganz etwas anderes geschehen wäre. Nämlich trat er in eine Hundekacke. In so eine alte, von der Sonne schon ganz ausgedörrte Hundekacke, eine, die schon ganz aschfahl und brüchig ist, und gerade noch ihre Form halten kann – diese hier freilich war ob Karls Hineintreten ihrer Form just beraubt worden.
„Ach Mutter Natur!“, rief Karl da aus, „wenn es dich nicht gäbe - man müsste dich erfinden!“
31.07.2008
„...ich bewerkstellige die unglaublichsten Dinge, ohne in ihr Inneres überhaupt einzudringen, das überlasse ich anderen, niedrigeren Wesen: das sagt aber nicht, dass ich nicht unter dieser Erschütterung leide, alles, was ich zustande bringe, selbst die auswegloseste Situation, beweist mir, dass es etwas gibt, das die Errungenschaften des menschlichen Geistes wieder in ein unauffälliges Nichts einordnet...“
01.08.2008
Ich hatte in einem Restaurant zu Mittag gegessen. Punkt Viertel vor vier kehrte ich zurück. Vor der Wohnungstür hielt ich inne und lauschte, nichts war zu hören. Dann schloss ich die Tür auf und ging ins Wohnzimmer. Mariette war da. Sie lag hinter dem Paravent auf dem Bett, das mal ihrer Mutter gehört hatte, und ich sah, wie sie ihren Kopf hervorstreckte, tat aber so, als hätte ich nichts bemerkt. Ich öffnete alle Fenster, schritt ein paar mal sinnlos auf und ab und setzte mich dann aufs Sofa. Von draußen drängte die Hitze in die Wohnung. Ich erinnere mich an jeden Augenblick: Es bereitete mir ein entschiedenes Vergnügen, Mariette nicht anzusprechen. Ich saß da und blickte aus den Fenstern. Saß da und betrachtete die Dinge, die auf dem Tisch vor mir lagen. Fast eine Stunde saß ich still dort. Dann sprang Mariette hinter dem Paravent hervor. Ich hörte, wie sie aufstand, dann ihre schnellen Schritte, schon stand sie vor mir. Sie sah mich schweigend an. In diesen letzten zwei Wochen, seit ich sie zum letzten Mal gesehen hatte, war sie wirklich sehr abgemagert. Ihr Gesicht wirkte noch schmaler als sonst, ihr Kopf war sicherlich heiß. Ihre Augen waren sehr groß geworden und blickten mich unentwegt mit einer stumpfsinnigen Neugier an. Ich saß auf dem Sofa, betrachtete sie und rührte mich nicht. Und da begann ich sie plötzlich wieder zu hassen.
16.08.2008
In mir ist ein riesiger Klumpen. Der Klumpen verstopft alles, nichts könnte mehr aus mir herauskommen. Er verstopft meine Aterien, meine Venen, meine Atemwege. Er liegt überall in mir, wo er Platz findet. Ich gehe zum Spiegel - denn laufen kann ich noch - und ich sehe eigentlich aus wie immer. Fast ein wenig dünn sehe ich aus, dabei bin ich doch voll von dem blöden Klumpen. Ich sollte dem Klumpen dankbar sein, denn der Klumpen hält alles zusammen, was zusammengehört. Er macht mich sprachlos, dieser Scheißklumpen aus Ohnmacht. Seit er da ist, ist alles ganz still. Ich muss ihn zerschmettern, aber er lähmt mich.
Ich fasse deine Haare an, ich möchte sie riechen, Ich rieche deinen Nacken. Es ist das Einzige, was ich noch rieche. Ich höre dich atmen, ganz dicht an meinem Ohr. Ich höre mich atmen, ich schnaufe wie ein Tier. Ich möchte dich halten, so fest ich nur kann. Ich möchte, dass du mich erdrückst. Du sollst mich so sehr drücken, dass alles in mir weich wird und frei und der Klumpen zersplittert. Aber dann gehst du, und statt deiner drückt wieder nur der Klumpen.
Ich kann ihn nicht loswerden, denn er gehört jetzt zu mir. Ich kann ihn nicht loswerden, denn ich gehöre jetzt zu ihm. Da sitzt er, der Klumpen, und raucht. Er raucht wie bescheuert, aber ich kann ihn nicht stoppen, er raucht eine nach der anderen. Und dann noch eine. Er wartet. Er wartet auf Dienstag oder Donnerstag oder Freitag. Er will alles an sich reißen. Er will mich umbringen, und alles was er dazu tun muss, ist abzuwarten bis Dienstag oder Donnerstag oder Freitag. Also wartet er ab und raucht. Aber ich bin noch da. Irgendwo im Klumpen: Pok. Pok. Pok. Das bin ich. Ganz hat er mich noch nicht. Ich werde warten bis er schläft. Und dann werde ich einfach abhauen. Mich verstecken irgendwo, wo er nicht hinkommt. Und wenn es Nacht ist, werde ich so hoch klettern wie ich kann. Und dann wars das.
01/12.2008
immer noch keine worte. dafür bilder.
bears howl your name.
Ohne Verrat kein Fortschritt.
Dein Blut ist ganz schwarz geworden.
Minute für Minute eilt der Tod heran.