Acht Tage und acht Nächte habe ich geschrieben. Acht Tage und acht Nächte habe ich nicht geschlafen. Bin gereist und bin gelaufen, nachts bin ich gelaufen durch die Felder der Gottesanbeterinnen. In der ersten Nacht hat sie mich nur beobachtet, wie ich ihre Felder durchstreift habe, wie so ein vom hellen Mondschein aufgeschrecktes Tier: Ein Fuchs vielleicht, oder ein WIesel oder was noch Ordinäreres, jedenfalls was mit Fell. Und warm war mir unter meinem Fell, und kalt war mir, wie ich in der folgenden Nacht den Blick der großen Gottesanbieterin auf mir gespürt habe. Rausgekrochen war ich aus dem Laden im schönen toten Westen, wo ich mein Essen gegessen habe, da war ein Fernseher in dem Laden, links oben in der Ecke vor der roten Wand, von mir aus gesehen, mit so einer Metallvorrichtung, dass er so von der Decke hängen kann, wie in schlechten Hotels, in denen ich gewesen bin, vorher. All das habe ich dir erzählt, noch in einer der acht Nächte, einer der schlechten Nächte, in denen nur ich gesprochen habe, in den guten Nächten erzählst du mir von Dingen, obwohl du gar nicht da bist, obwohl du eigentlich nie da bist. In dem Fernseher, da haben sie gesagt wie das geht, dass man weiß, wo jemand anderes gerade ist: Und jetzt weiß ich das, denn es wurde ja in dem Fernseher gezeigt oder vielleicht hat es auch bloß in einem der Magazine gestanden, die dort lagen und die alle schon so alt gewesen sind und durchgeblättert, mit Flecken von Sauce hier und da, und was es da für eine schlechte Pampe zum Essen gegeben hat. Und wieder raus von da hat es mich zu den Feldern gezogen, wo wir einst das Moon Duo waren. Da hat es mich geschüttelt auf dem Weg, ganz kalt wurde mir, wie es mich da so schüttelte und in der Bahn ist es gewesen. Da waren Insekten, wie so Motten, aber ohne die dunklen Flügel, eher so Insekten mit ganz schmalen, durchsichtigen Flügeln sind es gewesen, und mit Stielaugen; solche, die singen, wenn man sie ins leere Bierglas krabbeln lässt und es dann ans Ohr hält. Du hast mich noch gefragt, wohin wir denn fahren, aber ich habe nicht geantwortet, denn ich wollte ja auf die Felder, da wo früher der dunkle Gebieter seine Stadt hat bauen wollen, und wo jetzt die Gottesanbeterinnen leben, die vielen kleinen und die eine große, ihre Königin. Diese Insekten in der Bahn, die saßen an den Lampen, aber nicht auf den Lampen, sondern daneben, wie klug die sind, habe ich da gedacht. Viele sind es gewesen, nicht gleich Schwärme, aber mehr als gewöhnlich. Der Zugfahrer hat eine Durchsage gemacht, die habe ich nicht verstanden, sie war nicht in der Landessprache und es gab auch keine englische oder spanische Übersetzung, es gab überhaupt keine Übersetzung. Dann ist das Licht kurz ausgegangen und die Tiere wurden unruhig und haben in der Finsternis das Rumfliegen angefangen, das habe ich hören können, wie sie so geflogen sind. Den Hut habe ich mir aufgesetzt und gewartet, aber die Ungeduld, die Ungeduld. Und las auf dem Display: wir hatten noch für fünf Stunden Saft, das reicht locker, dachte ich, es ist doch gar nicht mehr so weit. Einmal noch hast du dich gezeigt in jener Nacht, oder war es die davor? Du hattest nasse Haare, aber es war kein Regen niedergegangen, also musst du dich wohl geduscht haben zuvor, dachte ich, aber du hast so getan als wäre nichts weiter und hast mir etwas vorgelesen. Ich habe vergessen was es war, aber du hattest es dir extra notiert in dem Antiquariat, in das du oft gehst, gleich vorne in der Strasse, deren Namen ich nicht mehr erinnern kann seit ich in den Feldern gewesen bin, wo der Himmel violett geschimmert hat. Oder vielleicht haben die Lichter der Stadt die Wolken angestrahlt, vielleicht schon, aber warum dann violett? Darauf habe ich keine Antwort gefunden, aber es war auch gar keine Zeit, darauf eine Antwort zu finden. Die singenden Insektentiere haben mir etwas gesagt. Als das Licht aus war, da haben sie mir gesagt, dass es dich nicht gäbe. Zuerst fand ich das unheimlich, weil sie so flüsterten. Denn weil sie so klein sind, waren ihre Laute gerade so ein Flüstern. Weil sie so klein sind, deswegen lügen sie! Das ist mir gleich klar gewesen, denn wenn man so klein ist, dann geht das doch auch gar nicht anders. Und wie ich zu den Feldern gekommen bin, viel später erst, da sind die Wolken weg gewesen, da war es im Himmel ganz klar und den Mond habe ich gesehen. Die große Gottesanbeterin hat es mir alles gesagt: Und nun weiß ich es. Auch von dir weiß ich jetzt. Alles. Mantis Religiosa hat es mir erzählt. Es waren so viele ihrer Eier dort auf den Feldern, ich dachte erst, das seien Gräser oder Pusteblumen, weil sie so weich waren, aber es sind Eier gewesen. Gelaufen bin ich, und auch noch weiter gelaufen, als ich sie schon bemerkt hatte. Sie war so groß, wirklich beachtlich, und sie sah mir zu und wartete, bis ich das Laufen aufgegeben habe. Natürlich, natürlich, ich habe eine Angst gehabt, aber ich konnte nicht an ihr vorbei oder gar vor ihr weglaufen. Aber wie ich es versucht habe! Es ging nicht, egal wie ich auch lief. Ich musste gar nicht erst vor sie hintreten, wo immer ich war, ist sie bereits gewesen, also blieb ich stehen. Um zu ihr zu sprechen. Ich war recht ehrfürchtig und hab den Hut abgenommen. Und die große Gottesanbeterin sagte: „Dein Hut schmeckt mir gut.“ Da hab ich lachen wollen, aber schon hat sie ihre zwei vorderen Beine ausgefahren und damit den Hut genommen. Ich weiß gar nicht mehr, was dann mit dem Hut eigentlich passiert ist.
Noch sechs Tage und sechs Nächte bin ich dort gewesen.
Alles ist ganz anders geworden. Ich funktioniere ganz ähnlich wie vor den Nächten, die ich mit der Königin verbracht habe, rein biologisch betrachtet anders. Ich esse nicht mehr. Das hat mich zunächst verwundert, aber ich bin nun der Meinung, dass sie mich säugt wenn ich schlafe, oder wenn ich das mache, was sich anfühlt wie schlafen. Wie soll ich das beschreiben, ich kann mich nie daran erinnern, wenn ich diese neue Art des Schlafens hinter mir habe. Wo ich jetzt bin, ist das alles auch nicht so wichtig, so scheint mir, es ist ja niemand hier, dem ich es auseinandersetzen könnte. Ich habe das mal im Kopf ausformuliert, wie sich es hier anfühlt und vor allem: wie es hier aussieht. Aber dann klinge ich wie Clive Barker oder so, also lass ich das bleiben, bin ja nun nicht ins Traumland geflogen, bin ja noch ich, nur irgendwie und irgendwo anders. Es ist immer so ruhig. Ich sehe dich nie und höre dich nie und begegne dir auch nicht. Nicht jetzt, jetzt gerade nicht. Auch die Königin ist verschwunden, ich denke sie ist zurückgewandert zu den Feldern, dorthin, von wo sie mich mitgenommen hat. Ich habe hier in meiner Tasche noch einen Haufen Papier, weil ich doch einen Text ausgedruckt hatte, auf deren Rückseiten versuche ich eine Karte dieses Ortes zu zeichnen. Das ist gar nicht so einfach, wenn man nichts darüber weiß, darüber, wie man Karten zeichnet nämlich. Vielleicht ist es auch sinnlos, denn wer weiß, ob ich hier jemals wegkomme wieder. Ich frage mich überhaupt, ob ich das möchte. Something cares about me. Mir fehlt nichts. Neulich, gestern vielleicht, vorgestern, da habe ich mich gefragt, ob die bei der Arbeit sich wohl fragen, wo ich bin. Ob sich das überhaupt jemand fragt. Und was könnte der schon machen, nur weil jemand plötzlich weg ist. Man kann anrufen, aber mein Telefon ist ja auch längst aus. Und ich glaube auch gar nicht, dass ich hier Empfang hätte. Hier ist es doch immerfort dunkel, und ganz nass ist es, sogar die Luft ist nass. Aber es ist angenehm warm, immerzu.
(...)
Vor kurzem habe ich ein Furunkel bekommen am rechten Oberschenkel. Das hab ich aufschneiden wollen, zuerst mit dem Papier, dass ich bei mir habe, doch das ist zu feucht gewesen. Mit aller Kraft habe ich daran herumgedrückt, damit es aufgeht und geschrien vor Schmerz. Vielleicht ist es kein Furunkel, sondern bloß entzündet. Vielleicht ist das eh das Gleiche, ich konnte das ja hier schlecht googlen. Schließlich hab ich es aufreißen können, mit meinem Haustürschlüssel. Aber es hat kaum geblutet, nur ein bisschen zäher Eiter ist rausgeflossen und was Schwarzes. Jetzt wird es größer und pulsiert. Wenn die Königin in der Nähe ist, dann tut es - eine Weile nur - nicht weh. Ich wünschte so sehr, dass es mal hell würde.
(...)
Ich finde meine Sachen nicht wieder. Meine Tasche ist weg. Mein Papier: auch weg. Vielleicht ist es wegen dieser Scheißdunkelheit die ganze Zeit, dass ich nichts mehr davon finden kann. Es wird auch immer wärmer. Und nirgends ist es mehr trocken. So geht doch auch mein Furunkel niemals weg, wenn es immer so naß ist. Das ist inzwischen eine richtiggehende Beule geworden, die schrumpelt obendrauf. Ich fasse die schon gar nicht mehr an, das zieht schon genug, wenn ein wenig von der Strömung dagegen kommt. Überall ist jetzt Wasser. Als wenn ich so einem warmen, unterirdischen Tümpel wäre, so ist es hier. Ehrlich gesagt bin ich von diesem Ort inzwischen ziemlich angepisst. Und so fühlt es sich übrigens hier auch an, wie in einem Bad voll schwarzer Pisse. Und ich schwimme darin. Nein, eher gebe ich den toten Mann, ich treibe hier nur noch rum. Irgendetwas wächst mir aus der rechten Beule. Ich habe jetzt auch links eine. Du kommst nicht mehr. Die Königin auch nicht. Wir drei, wir haben uns alle gegenseitig vergessen. Es ist lange ganz still gewesen.
(...)
Dann, auf einmal war Licht, von aussen her, ganz helles. Es gab Erschütterungen. Ich war nicht richtig wach, als das passierte. Alles ist in Bewegung gewesen, wie in einem Ozean, wenn man unter eine Welle gerät, und rumgewirbelt wird, weil man denkt, so ein Ozean sei so ein Abenteuerplanschbecken. Da habe ich eine Panik bekommen und dann hat es gewaltig geknallt. Das war das letzte was ich noch gehört habe, seit dem Knall klingt alles nur noch ganz dumpf, wenn überhaupt. Irgendwohin hat hat es mich hingespült, Kalt war es da und gezogen hat es, das ist die Luft gewesen, da hab ich gemerkt, dass es geplatzt ist. Das, wo ich vorher drin gewesen bin, wo der dunkle Tümpel drin gewesen ist. Ganz hell und orangefarben hat es geblendet, als es geplatzt ist, und alles aus den Fugen. Licht, grell, und ich bin gefallen, furchtbar tief gefallen. Einen Aufschlag erinnere ich nicht. Ich bin jetzt auf einem grünen Plateau, da sitze ich. Strenggenommen sitze ich nicht, ich halte mich fest mit meinen neuen Beinen, die mir gewachsen sind aus den Furunkeln. Den Kopf immer nach oben. Wenn es dunkel wird, schlafe ich. Am Tag darauf habe ich versucht zu sprechen. Ganz neue Geräusche mache ich nun. Metallerne, schöne Gesänge. Ich weiß nicht, wem ich da was singe. Es scheint sonst niemand hier zu sein.
