14/09.2007 - 31/12/2007

14/09/2007


Den Matze hab ich sauber ausgebremst und zwar schon gestern Abend beim Auflegen im Valentinstüberl. Hab ihm einfach immer wieder ein Gedeck kommen lassen, mich selbst aber mit Almdudler begnügt - klar, dass der heute morgen mit Fahne, Augenrändern und unrasiert in der Agentur für Arbeit in der Kapuzinerstrasse aufläuft, wohingegen ich mich fein rausgeputzt habe. Man muss doch hier auch optisch eine klare Sprache sprechen - und mit Matze trinke ich dieser Tage zwar oft Bier, wir sind ja aber in der wirklichen Wirklichkeit schon direkte Konkurrenten auf dem Markt. Die Münchner Arbeitsagentur ist eigentlich ein ganz schöner Platz, etwas humorlos so in der Atmo, aber dafür laufen ziemliche stylische junge Mädels rum und ansonsten ist auch nicht viel los, nicht mal Nummern müssen wir ziehen und zehn Minuten wartet man hier gern und ohne zu murren - Matze nicht, der stöhnt: er will sitzen, er hat Durst, er hat Hunger, er braucht ein Kaugummi.

Das neue Leben beginnt dann allerdings schon an der Information. ein Blick auf die Infotafel macht klar, dass wir in den Bereich "Münchner Süden" müssen, die gute Frau an der Information möchte das aber gerne auf ihrem "PC nochmal nachprüfen". Dazu tippt sie unsere Strassennamen ein, und das Programm sagt ihr dann, ob sich diese Strassen wohl auch wirklich im Münchner Süden befinden.
Es ist ein geschickter Zug der Agentur, ihre Informations-Theken mit Legasthenikern zu besetzen: nachdem die Frau weder "Goetheplatz" ( gote plaz ) noch "Dreimühlenstr." ( deimulen str ) zu schreiben imstande ist, wird mir sofort klar, dass ich eigentlich schon morgen in irgendeine Führungsetage vermittelt worden sein müsste und begebe mich top-motiviert in einen schmucklosen, dafür großzügigen Raum, der hier freundlicherweise "Empfang" heißt. welcome to the jungle.

Dort händigt man uns einige Fragebögen aus. Man füllt die Bögen mit den üblichen persönlichen Angaben. In der Kategorie "höchster Abschluss" bin ich unentschlossen: "Hochschule abgebrochen" oder "Universität abgebrochen" - entscheide mich daher für "’Abitur" und "Hochschule abgebrochen". Sehr gute Wahlmöglichkeiten auch in der Rubrik "Sprachkenntnisse". Man wählt zwischen "mangelhaft" "gut" "sehr gut" und "hervorragend". Ich wähle bei Deutsch "hervorragend" und Englisch "gut". Es gibt fünf Sprachen: deutsch, englisch, französisch, russisch und türkisch. Das ist nett gegenüber den russischen und türkischen Mitbürgern.

Ich erkläre mich bereit, mir notfalls ein Kraftfahrzeug anzuschaffen, das hätte ich eh gerne. Pendeln muss ich allerdings schon jetzt ausschließen, nicht dass ich auf dem Dorf arbeiten muss oder gar draußen in der natur ( ich wohne doch in der Stadt, die wo eh viel schöner ist ).

Toll gelöst: die Zeit vergeht beim Ausfüllen der bunten Bögen wirklich wie im Flug. Schon ruft eine junge Dame mit Henna-Resten im Haar meinen Namen. Und führt mich zu ihr: zu meiner neuen Sachbearbeiterin Frau Nickel.

coming up:
die Sache mit der Würde
die Sache mit Frau Nickel

21/09/2007


Die Wiesn ist schon aufgebaut, sie eröffnet gleich morgen, deshalb wird es jetzt wieder warm, damit nämlich die Biertouristen denken, in Bayern sei der Himmel immer blau und sonnig. Ich fahre ins Büro bei diesem Prachtwetter und nehme einen Umweg. Mein Arbeitszeugnis muss bis 12h im Briefkasten der Agentur liegen, deshalb radel ich an der Wiesn vorbei, von der vereinzelt Hammerschläge schallen und eine übende Blaskapelle. Und überall der Tau auf den Fahrgeschäften. Und ab morgen der ganze Irrsinn, der doch gar nicht München ist. München, das ist der "Gül Döner", an dem ich jetzt vorbeifahre, der seinen Vegi-Döner ernsthaft als Weltneuheit anpreist. München ist die Tatsache, dass niemand mein Fahrrad klaut, München ist auch der übergewichtige Hartz IV-Türke mit dem FCB-Cap, der sich in der Schlange im Penny-Markt zu nah an mich ranschiebt, vermutlich, weil Südländer ein anderes Gefühl für die sogenannte Intimdistanz haben, so hat es jedenfalls vor Jahren in der Geo gestanden, dass es quasi je nach Rasse verschieden sei, wie nah ein Mensch einen anderen Menschen neben sich ertragen kann. Dieser Türke jedenfalls hat in diesem Punkt andere Vorstellungen hier in der Pennymarktschlange. Den Pennymarkt hatte ich ja schon zu Studienzeiten ums Eck - und wer genauer hinschaut erkennt: ist alles noch beim Alten im good old Penny. Die "Mama Basta"-Produkte haben lediglich neue Verpackungen - statt der gezeichneten Pizza hat man nun ein Foto einer echten Pizza vor ein Foto eines Ofens in heimeligen Farben montiert, die Maccharoni gibt es jetzt in der Familenpackung und jeder benutzt bei den Backwaren die Hygienezange, denn hier ist die soziale Distanz zu Hause, da wird sich noch geekelt, wenn da einer die Semmel angefasst hat, der jetzt noch unterschichtiger als man selbst gewesen ist. Dagegen neulich beim Käfer: "Ach, Frau von Egloffstein, seins so gut - streicheln's mir mei' Sternfrucht noch bevor ich's kauf ?"

Nach drei Stunden Büro habe ich genug. Schliesslich bin ich rein rechnerisch schon gar nicht mehr dort. Lieber mache ich eine kleine Radtour durch die Stadt. Alle hier sind glücklich und tragen etwas zu große Sonnenbrillen. Sie stehen vor ihren eigenen Agenturen im Glockenbachviertel, rauchen Light-Zigaretten und sehen wie Italiener aus. Ich freue mich schon auf die viele freie Zeit, die auch ich mit dem Rauchen von Light-Zigaretten füllen werde. Die Fachwelt nennt das "kognitive Dissonanz". Aber die Fachwelt ist ganz woanders.


28/09.2007


Das Handgelenk von Herrn Mehhorn knackt, als ich ihm die Hand schüttel, und zwar sowohl bei der Begrüßung als auch bei der Verabschiedung. Ich habe das Gefühl, meinem ersten persönlichen Berater beim Händedruck jene förmlich auszuhebeln. Herr Mehhorn weiß zu beruhigen: keinesfalls handele es sich hier um ein Frühstadium von Arthrose sagt er, vielmehr bekomme man so ein Problem heutzutage durch gezielte Gymnastik wieder in beste Ordnung. Beruhigt können wir beide also mein erstes Beratungsgespräch beginnen. Hierbei fallen zwar die hässlichen Begriffe „schwer vermittelbar“ und „undefiniertes Berufsbild“, insgesamt bin ich aber sehr zufrieden mit seinem Verlauf: Erstens bietet das Zimmer im vierten Stock der Agentur eine Aussicht über den Münchner Schlachthof, wie er sich mir vorher niemals präsentiert hat. Und zum zweiten macht Herr Mehhorn keinesfalls Anstalten, mich in z.B. einen Schlachthof-immanenten Beruf vermitteln zu wollen. Lieber soll ich eine Ausbildung abschließen rät er, „es wär doch schad’ drum“. Außerdem hat er großen Respekt vor der Musikbranche, aus deren Todeszuckungen es mich hierher geworfen hat. „Da müssens’ sich jetzt am besten selbst eine Nische suchen“ sagt er, „den Markt kennens’ ja sicher besser als wie wir.“ Als Hausaufgabe muss ich mich nun dreimal wöchentlich eine Bewerbung schreiben, darüber Exceltabelle führen und diese beim nächsten Gespräch auch bitteschön vorlegen.

Eine eigene Nische also. Dann mal her mit den freien Berufen: Künstler, Schriftsteller, Designer, Musiker, Filmemacher - da wartet doch das ganz große Kino auf mich. Da muss jetzt nur ein kühler Kopf bewahrt werden, wenn man sich entscheidet, in welcher Disziplin man also zu den großen Kulturschaffenden des Landes aufschließen wird. Schon am Abend beim Auflegen im Valentinstüberl wird mir ganz klar: das Musikerdasein ist einzig und allein eine logistische Meisterleistung in Sachen „Perlen vor die Säue“. All die fein ausgearbeiteten Breaks und ruhigen Passagen auf den Platten, die ich auflege, werden zur lautstarken Getränke-Nachorder missbraucht. Und die tanzbaren Passagen dienen hier lediglich als akustische Mauer, damit das Nachbarsofa die dürftigen Anmachversuche nicht mithören kann. Einzig Barmann Felix Experimentierfreudigkeit retten den Abend: In bester Privatsender-Manier wird mir eine Weltpremiere nach der anderen kredenzt. Auf „Küstennebel Sour“ folgt noch mehr Erkenntnis:

Meine Neigung zum Alkoholismus ließe sich sowieso mit keiner Festanstellung irgendeiner Art verbinden, sondern einzig mit dem Beruf des Schriftstellers. Denn allein der Schriftsteller genießt das Privileg, sich wann immer er will dem Alkoholrausch hinzugeben, welches ohnehin der einzige Rausch ist, mit dem sich in Würde altern lässt. Ein freier Künstler beispielsweise muss handwerkliche Feinstarbeit leisten, zitternde Finger können in seinem Fall zu erheblichen Abweichungen zwischen Konzept und Ergebnis führen. Ein Musiker macht unter Alkoholeinfluss alles falsch, da er dazu neigt, immer zu viel zu wollen: So fügt er in seinem Rausch einem guten Musikstück so lange immer neue Elemente hinzu, bis es zu einem großen, nutzlosen Brei geworden ist. Ganz anders der Text, da er ganz er selbst ist. Ein Text muss kühn sein und absolut, duldet keinen Einspruch, ist totalitär. Der Schreibende muss daher jeden Zweifel am Text, sogar jeden Zweifel an sich selbst erst vergessen machen, bevor er zu Schreiben beginnt. Dabei ist ihm Freund Alkohol seit jeher eine gute Hilfe gewesen. Und während die Mehrheit sprichwörtlich auf den eigenen zwei Beinen im Leben zu stehen hat, kann sich der Schreibende immer noch am Glas festhalten.


20/10/2007


Light-Zigaretten passen nicht zu Leipzig-Lindenau. Ich rauch jetzt Marlboro. Denn in Lindenau sind noch echte Kerle zu Hause. Mit echten Hunden. Hier jedenfalls tun sich möglicherweise neue Wohnräume auf. Und wenn mein sozialer Abstieg verbunden ist mit dem Beziehen von weitläufigen Gemächern in Altbau mit Fenster zum local Gotteshaus, wer wird sich da über ganzkörpertätowierte Nachbarn beklagen? Die Zimmerbesichtigungen der vergangenen zehn Tagen gaben mehr Anlass zur Klage: Moritz zum Beispiel ist 20, Barmann, spielt in einem Akkordeon-Orchester und gründet eine von Katzen bevölkerte WG mit seiner 18jährigen Punkrock-Freundin. Sein Interesse gilt vor allem mittelalterlich tönender Rockmusik. Wie begegnet man so einem Menschen in seinen vier Wänden? Man kann das zum Beispiel machen wie JBK vergangene Woche, als er, offensichtlich geplant, Eva Herman seines Studios verwies, nachdem sie gesagt hatte: „mein Gott, es wurden damals auch Autobahnen gebaut und wir fahren heute noch drauf“ – „Autobahn, das geht gar nicht“ wiederholte Kerner daraufhin immerzu. Denn soweit gleichgeschaltet ist freilich heutzutage auch der gepflegte Late-Night-Talk, als dass ein jeder weiß, das „Autobahnen einfach nicht gehen“. Sehnlichst vermisst haben wir diese Kernersche Entschlossenheit in den Interviews nach dem 0:3 gegen Tschechien. Oh JBK! Oh dumme Eva! Oh kleiner Moritz, ich bin vom Thema abgekommen. Öffentlich muss ich dir an dieser Stelle in aller Eindringlichkeit sagen: Mittelalter geht gar nicht! Ich entscheide mich deshalb gegen dein fröhliches Akkordeonorchester und für weitere Wohnungssuche. Ähnliches rufe ich dem Leipziger Stadtteil Connewitz zu und auch ins Leipziger Waldstrassenviertel, wo aber vermutlich schon alle zu Bett sind. Nach 10 Tagen Leipzig, geht es nun zur voraussichtlich ebenfalls sehr protestantischen Hochzeit der kleinen Schwester nach Lüneburg, und zwar über die Autobahn.


24/10/2007


„So ist die Zeit vergangen“
„Sie wäre sowieso vergangen“
„Ja. Aber langsamer!“
„Was sollen wir jetzt machen?“
„Ich weiß nicht“
„Komm, wir gehen.“
„Wir können nicht.“
„Warum nicht?“
„Wir warten auf Arbeit.“
„Ach ja.“
Schweigen
„Wir können ja wieder von vorn anfangen“
„Das scheint mir wirklich nicht sehr schwer zu sein.“
„Aller Anfang ist schwer.“
„Ist doch gleich, womit wir anfangen.“
„Ja, aber wir müssen uns entscheiden.“
„Eben.“
„Hilf mir“
„Ich suche“
„Wenn man sucht, hört man“
„Eben.“
„Wenn man hört, kann man nichts finden“
„Eben“
„Wenn man hört, kann man nicht denken“
„Man denkt aber doch“
„Ach was, das ist unmöglich.“




26.10.2007


Auf einmal fühlt man sich von den Polit-Talk-Runden angesprochen. Und so verfolge ich denn nun Frank Plasbergs ARD-Premiere. Etwas zäher als gewohnt. Obwohl es doch um Arbeitslosigkeit ging. Dabei hätte es so schön werden können. Zum Beispiel so:

Frank Plasberg: Willkommen zu „Hart aber Fair“. Wir haben auch heute wieder eine bunt gemischte Runde eingeladen, zusammen wollen wir nun die Lage auf dem Arbeitsmarkt erörtern. Und die Frage stellen: Wie sieht es aus? Gibt es in Deutschland noch die Chance nach oben zu kommen, wenn man einmal ganz unten war? Meine Gäste sind...

Rainald Goetz: „ich heiße Rainald, ich bin Alkoholiker.“

Plasberg: „Ich möchte eigentlich….“

Goetz: „ich sehe mich als der entschiedenste Feind des Gesprächs, schon gar des öffentlichen Gesprächs !“

Plasberg: „…möchte eigentlich mit dem Präsident…“

Goetz: „Ich bin Raspe. Ich saß im Gefängnis, ich ging im Raspe in der Zelle auf und ab, ich las mit seinen Augen Bücher, ich war der Baaderhaß. Da war die Grenze da. Ich war nicht Raspe.“

Plasberg: „…mit dem Präsident der Bundesagentur für Arbeit beginnen - Herr Weise, alle Zeichen stehen auf Aufschwung. Wer wird davon am Arbeitsmarkt profitieren?“

Frank-Jürgen Weise: „Wer eine gute Qualifikation hat und mobil ist, dem können wir heute mehr anbieten als noch im Vorjahr.“

Bärbel Schäfer: „Der Weg zu einer Karriere ist aber immer leichter, wenn die Finanzen da sind und man in einem gehobenen Bildungssystem groß wird”

Peter Sloterdijk: „In Wahrheit sitzen die Menschen in ihren Wohnungen und Einbildungen und federn sich ab, wie sie können. Leben heißt: die Immunsysteme fortlaufend modernisieren.“

Goetz: „…Bewegungslos am Allgemeinen teilnehmen!“

Jürgen Rüttgers: „Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir von diesem Denken wegkommen müssen. Wir übernehmen mit ihm ungewollt und unmerklich den postmodernen Relativismus, für den jede Geisteshaltung gleichgültig ist.“

Veronika Ferres: ( einstimmend )„Wir sind ein Volk der Jammerer. Sicher haben wir viele soziale Probleme, aber es gibt auch genug lebenswerte Momente.“

Kurt Beck: „Ich war in den Ferien häufig mit dem Fahrrad unterwegs, da spricht man viel mit den Leuten.“

Weise: ( zu Beck ) „Zu uns kommen jährlich zwischen 80 000 und 85 000 Leute, die keinen Schulabschluss haben. Viele von ihnen sprechen gar kein Deutsch.“

Ferres: ( wieder zu Plasberg ) „Es gibt den schönen Spruch: Du hast keine Chance, also nutze sie. Das liebe ich: Menschen davon zu überzeugen, dass das Unmögliche möglich ist. Leben ist für mich Herausforderung. Ich bin nicht hier, um mich auszuruhen, ich bin hier, um neue Ufer zu entdecken, Grenzen zu überschreiten, Abenteuer zu bestehen.“

Plasberg: „Schlussrunde bei “Hart aber Fair”, ich bitte um ein kurzes abschließendes Statement. Also: Alles für Jeden machbar in Deutschland? Frau Schäfer ?“

Schäfer: „Leider nein, ist man Jude, Punk oder schwul, dann ist leider in bestimmten Regionen nicht alles möglich“

Plasberg: „Herr Beck?“

Beck: „Ich weiß es nicht. Aber für die SPD wird es immer dabei bleiben: Einen Widerspruch zwischen Freiheit und Gerechtigkeit kann und darf es nie geben.“

Schäfer: „Wir leben in einer wunderbaren Demokratie, in der man Freiheit leben kann“



Aus:

BILD-Interview mit Kurt Beck, 14.08.2007 / www.kurt-beck.de
Weltwoche-Intervew mit Peter Sloterdijk, KW29, 2004 / www.weltwoche.ch
Rainald Goetz: Abfall für Alle / Suhrkamp 1999
Rainald Goetz: Kontrolliert / Suhrkamp 1991
Rainald Goetz: Irre / Suhrkamp 1983
Jürgen Rüttgers: „Wider den Zeitgeist“ Rede anlässlich der Feier 60 Jahre CDU in Köln.
Bärbel Schäfer: TV-Auftritt bei Sabine Christiansen, 17.06.2007
Welt am Sonntag Interview mit Frank Jürgen Weise, 23.04.2006
Veronika Ferres: Interview mit „echt-online.de“, April 2004



01.11.2007

Aushilfsjobs. Angebote im Internet. Kleinode des geschriebenen Wortes. Zum Beispiel:

Wir suchen Aushilfen zur Aufsicht, Sicherstellung und Aufrechterhaltung des technisches Betriebes einer Modelleisenbahn in einem Kaufhaus in Hoyerswerda. Wichtig ist: 
- technisches Interesse 
- Aufgeschlossenheit 
- gepflegtes Äußeres Übernachtungen in einem Hotel mit etwas Verpflegung werden gestellt. Das Hotel befindet sich direkt neben diesem Kaufhaus.
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Mitarbeiter zur Durchführung diverser Kontrollaufgaben gesucht. Sie sind ca 25 - 50 Jahre mänl haben PKW. FS Pol. Führungszeugniss ohne Eintrag sind sauber zuverlässig können selbstständig nachts alleine Arbeiten sind absulut zuverlässigkeit dann melden sie sich
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Unsere Firma schickt ganz normale Leute in die Geschäfte unserer Kunden, um deren Serviceleistungen zu evaluieren. Als Mystery Shopper müssen Sie Sich mit den Servicestandards der Firma vertraut machen und heraussuchen, in welchem Bereich der geleistete Service unzureichend ist. Qualität der Bedienung, Verhalten der Verkäufer, Effizienz, Preis-Leistungs-Verhältnis, Umgebung, Hygiene, Bequemlichkeit... sind nur einige Aspekte, die Sie untersuchen werden. Nachher teilen Sie uns Ihre Beobachtungen genau mit, so dass unser Kunde einen detaillierten Bericht Ihrer Erfahrungen im Geschäft bekommt.

Es ist eine unterhaltsame Tätigkeit, sich etwas dazuverdienen zu können.
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03.11.


Da lacht der Komparse: “Ich schlepp mehr Nutten ab als die Polizei in Dresden!” ruft einer der beiden Darsteller. Der „Club 4“ grölt und das Filmteam verzweifelt ein bisschen, aber still. Samstagabend, einige Stunden vor Eröffnung des HipHop-Clubs auf Münchens Amüsiermeile Ost, den Optimolwerken, von der Stadt praktischerweise an den Ostbahnhof in Bahngleis-Peripherie angesiedelt, damit die Meute vom Lande nicht allwöchentlich das gediegene Stadtbild des Zentrums durcheinander bringt – hier also Filmdreh für einen kleinen Spielfilm, der dann sicher mal ein “Kleines Fernsehspiel” wird, dafür jedenfalls bringt er alles mit: ein Team, das dem Filmstudium gerade entwächst, improvisierte Dialoge, hier im Club4 gecastete Darsteller, Schüler, Azubis, Hartz4-Jugendliche, fast alles Bosnier, etwa 17, 18 Jahre alt, die einen guten, leicht gebrochen bayrisch-osteuropäischen Ghettosprech draufhaben: alles voll real hier, so ultrarealistisch und ich an der Tonangel. Ständig wieder “alles auf Anfang” “und bitte” und dann palavern die Straßenjungs drauflos, immer latent aggro: „Alter, mein Kopf ist gefickt wegen meiner Freundin, ich weiß auch nicht Alter, wenn die mich abschieben, ich weiß doch gar nichts von von wo ich komme, was bist du denn Alter ?“ ... Wieder alles auf Anfang, Tonangel in die Luft, jetzt die romantische Szene: ... „ey glaubst du an Schicksal, glaubst du es ist Schicksal dass ich hier neben dir sitze, weißt du ich mach Rap, das ist so mein Business“ - und dann geht seine Freundin mit einem Anderen raus, und darauf folgt die Schlägereiszene, draußen, vor so einem übergroßen Graffiti-überzogenem Tor im Regen, und die Komparsen freuen sich schon, denn für die nächste Szene dürfen sich jetzt sechs von ihnen immer wieder gegen dieses Tor schubsen und brüllen, und etwas abseits steht der Hauptdarsteller mit seiner Freundin (im Film wie im Leben), die beiden haben noch einen kleinen Dialog: “Verpiss Dich, ich mach Schluss, das wars Alter!” schreit sie, und er bricht immer wieder die Szene ab um zu fragen, ob sie nun auch in Wirklichkeit Schluss mache. Aber ist doch nur Film, und ich renne mit der inzwischen vom Regen vollgesogenen Tonangel hinter der Kamera her, die so schön arty, so schön wildstyle durch die Schlägerei fährt und ganz spät ist der Dreh dann um und durchnässt sitzen wir im Auto, etwas leer ob all des Realismus, fahren nach Hause und hören “Raver” vom neuen “Burial”-Album, und was für eine inszenierte, wundervolle Münchner Regennacht das da draußen ist....


07.11.


Zehntausend Ausgaben der Süddeutsche Zeitung, gebündelt, auf Europaletten. Ich schätze, es sind so vierzehn Paletten, aber das Wort wird hier nur im Singular benutzt, also „die Zeitungen sind auf Palette“ – und zwar auf der Rampe an der Nordseite des Hauptbahnhofs. Im Nachhinein muss man wohl mindestens den Teufel fragen, welcher Wallraffasche Instinkt mich so einen Promoterjob hat annehmen lassen, aber jetzt ist es dafür zu spät, dabei ist es gerade mal 06:30 und noch dunkel. Im Presselager steht ein kleiner Holzschrank, da sind die Windbreaker mit dem SZ-Aufdruck drin, und die Cappies, auch mit Aufdruck. Und die zehntausend Ausgaben wollen verteilt werden, an die Reisenden, die morgens in die Stadt geschleust werden, weil sie hier Festanstellung haben. Acht Stunden Zeitungen auspacken, auf die Wägen laden und einfach verschenken. Welch ein irrer Promo-Schachzug!

„Am besten, du sagst dazu einen flotten Spruch, wie etwa: die beste Zeitung der Welt, heute einmal kostenlos für Sie!“ hatte die Frau von der hessischen Promotionsagentur am Telefon zu mir gesagt.
„Ja, genau“, hatte ich da gedacht.
Auch mit bestem Willen lässt sich über so einen Job wenig erzählen, ohne in sozialromantisches Gejammer zu verfallen. Aber es gibt doch Erstaunliches zu berichten: So gab es hier keinen in irgendeiner Form präsenten Arbeitgeber. Und wenn hier niemand nach dem Rechten sieht, dann wird sich doch auch niemand um die haarsträubenden Vorgaben, die per Email aus Hessen eintrafen, ernsthaft kümmern? So hatte ich gedacht. Ein Irrtum. Und gibt es den wirklich, den angedeuteten ominösen Kontrolleur in Zivil, der uns beobachtet? Was sollte denn der überhaupt kontrollieren? Ob man auch immer lächelt? Ob man heimlich raucht? Ob man telefoniert statt Zeitungen zu verteilen? Acht Stunden lang? Wer soll den denn noch bezahlen? Ich habe ja keine Ahnung von Arbeitspsychologie, aber hier, ganz unten, bei der Promotion, da geht es, wie ich glaube, um dreierlei:

Selbstkontrolle.
Impulskontrolle.
Das Überwinden innerer Widerstände.

Kann das einer gewollt haben? Liest jemand mit? Der Rotbuchverlag vielleicht? Wagenbach? Kann da jemand was machen? Kurt Beck ?

Drei andere Dinge nahm ich mit aus diesem Mittwochvormittag, die will ich auch noch loswerden jetzt.

1. ein lahmer Arm ( links )
2. eine Begegnung mit Rüdiger Safranski. Immerhin! Er drehte sich mit so einer Art Kinskischer Schraube ( googeln! ) in mein Sichtfeld und entriss mir wortlos eine Süddeutsche. Echt wahr!
3. Eine FAZ ( auf dem Heimweg gegen besseres Wissen aus Zeitungskasten geklaut )


09.11.2007


Gerüchten zufolge jedenfalls soll Tom Waits vorgeschlagen worden sein, als Schutzheiliger der Arbeitslosen.


11.11.2007


Eine schöne Sauerei ist mal wieder im Haus der Kunst zu Gast. Anish Kapoor, indischer Spezialist für irgendwie semi-coole Eventkunst hat sich mal was Schönes einfallen lassen. Statt Hohlspiegel aufzustellen, die, statt einfach Raumstudie zu sein eben auch irgendwie so einen ekligen Jahrmarktflair verbreiten, fährt jetzt durch des Hauses Ostflügel ein gigantischer Batzen aus Vaseline, Wachs und sauerkirschroter Farbe. Auf Schienen. Und dabei muss er natürlich durch die steinernen Durchgänge. Und weil der Batzen größer ist als diese, hinterlässt er wirklich abartig rote Sauereien an diesen Durchgängen, von denen die rote Masse jetzt so zähflüssig runterklatscht. Fein, denken wir uns, auch wenn wir nicht vergessen dürfen, das dies natürlich auch ein, gähn!, Statement zum Troost-Nazi-Bau ist, der jetzt eben diese Gedärm-Bahn beherbergt, und damit natürlich auch zum Holocaust. Und war nicht heute, der 11.11. , nicht irgendwie auch so ein Nazidatum ?
Ach nee, war nur Karneval....egal, das viel bessere Statement zu eigenem Gebäude / eigener Geschichte gibt das Haus der Kunst jetzt eh selbst ab. Unter dem hierzulande vergessenem Motto „ideologisches Bauen“ gab es schon letzte Woche eine von hiesiger Presse ( Süddeutsche Zeitung – gibt’s umsonst an Bahnhöfen ) aufs Strengste verurteilte Vorträge von den Architekten Kohlhaas & Herzog zu genau jenem Thema, und zwar - das war der Punkt der Kritik – in Anwesenheit Jong Myong Ho’s, das ist, wenn man mal ganz plakativ will, der Albert Speer Nordkoreas. Und als wir so fertig waren als Eventbesucher und in der goldenen Bar an der Rückseite des Museums noch eine Holunderbionade trinken wollten, da mussten wir durch den Konferenzraum, unter dem übrigens das P1 beheimatet ist, und da ging nun das Projekt „ideologisches Bauen“ gerade zu Ende. Jong Myong Ho und seine Delegation, für Laien neben ihrem asiatischen Aussehen auch an den Kim-Jong-Il-Ansteckern am Revers zu erkennen, ließen sich dort von Münchner TU-Studenten deren Entwürfe für kommunistische Sporthallen präsentieren. Das war an Skurillität freilich nicht zu überbieten, wie die wohlsituierten Studenten dort erläuterten, wo sich in der von ihnen entworfenen Schwimmhalle die Ränge für die kommunistischen Staatsmänner, und wo die Ränge fürs Volk befinden sollten, und dabei immer wieder die Namen der anwesenden Nordkoreaner verwechselten, woraufhin sie stets vor Scham und Respekt ganz rot wurden. Jong Myong saß mit Delegation und Dolmetscher im Publikum, sein Haar klebte dank Pomade am Kopf, und ab und zu nickte er gnädig, und hätten wir nicht gewusst, dass er eben Albert Speer ist, wir hätten ihn für einen grundsympathischen nordkoreanischen Bauern gehalten, mit dieser asiatischen Kopfphysiognomie, dem schlackernden dunkelgrünen Jackett und seinen gütigen Augen.



24.12.2007



Weihnachten in Berlin: nur ich, Berlin und Weihnachten. So hatte ich mir das vorgestellt, dass ich tagsüber ein bisschen durch Kreuzberg spaziere, abwechselnd Massive Attacks „Protection“ und Gesualdo-Chöre in der Dauerschleife höre, mir abends ein Glas Wein genehmige und an meiner Reportage schreibe, die ich bei der Journalistenschule einreichen muss. In meinem Fall eine Reportage über den Hirnforscher John-Dylan Haynes, der mit einem Verfahren namens Brain Scanning arbeitet, um die Gedanken seiner Probanden zu erforschen. Ich kam einigermaßen gut vorbereitet nach Berlin und ich dachte wir würden über Kernspintomografie, Willensfreiheit und Determinismus sprechen, aber es sollte natürlich anders kommen:

Als ich Berlin erreichte, dämmerte es bereits, es war der kürzeste Tag des Jahres und eine dichte Nebeldecke lag über der Stadt. Mich fror, es war eine lange Reise gewesen. Vor dem Café, in dem ich mich gestärkt hatte, stand ein einziger Wagen am Taxistand, den ich ansteuerte. Der Taxifahrer sortierte irgendetwas in seinem Kofferraum, als ich zu ihm trat und verlangte, er solle mich zum Labor des Forschers Haynes fahren. Der Fahrer blickte mich einen Moment lang an, ich vermochte seine Miene nicht zu deuten, dann sagte er:

„Es gibt keine Strasse dorthin.“
„Aber es muss doch eine Strasse dorthin geben“ entgegnete ich.
„Nein, es führt keine dorthin“ wiederholte der Fahrer.
„Können sie mich denn wenigstens in die Nähe bringen?“ fragte ich.
Der Fahrer schwieg.
„Sie haben doch ein Taxi!“ sagte ich.
„Das ist kein Taxi.“ antwortete der Fahrer, stieg in seinen Wagen und fuhr davon.

Also machte ich mich zu Fuß auf den Weg, Ich war einigermaßen schwer bepackt, und die Last zwang mich auf halber Strecke zur Rast. Ich ließ mich auf einer Bank am Hamburger Bahnhof nieder, rauchte eine Zigarette und betrachtete den nebeligen Himmel, der noch einen letzten Rest Tageslicht verriet. Dann ging ich weiter und nachdem die Dunkelheit vollends hereingebrochen war, erreichte ich das kleine Areal am Rande der Philippsstraße, an dessen Eingang ein unbesetztes Wachhäuschen stand. Dort verharrte ich kurz, doch niemand kam, also betrat ich das Gelände. Ein Gewirr aus kleinen Strassen, die von Bäumen gesäumt waren, und überall standen alte Backsteinhäuser. Einige hatten kleine Türme und Erker, andere sahen aus wie zu klein geratene Bauernhäuser, wie man sie im Brandenburgischen findet. Ich musste zu Haus 6, doch es fand sich keine Menschenseele, die ich hätte danach fragen können. Auch kein Auto war mehr zu hören und ich versuchte, die Wege systematisch abzulaufen, um Haynes zu finden. Da hörte ich ein Scheppern. Nur wenige hundert Meter vor mir sah ich den Schatten eines hochgewachsenen Mannes, er trug einen Doktorenhut und warf im schwachen Licht einer Laterne leere Sektflaschen in den Altglascontainer. Ich beschleunigte meinen Schritt, doch bevor ich den Mann erreichte, wendete er sich ab und verschwand in einer der unbeleuchteten Strassen. Ich blieb im Lichte der Laterne stehen, um in meiner Tasche nach dem Zigarettenpäckchen zu kramen, als ein Donnergrollen erklang. Ein Gewitter? Bei diesem Wetter? Es ging kein Wind und es herrschte trockene Kälte. Doch das Grollen hielt an. Ich zückte mein Diktiergerät, drückte auf Record, um es festzuhalten. Nach einer Weile ebbte es ab, dann schaltete sich die Laterne aus. Nun stand ich im Dunkeln. Ich griff nach meinem Mobiltelefon, um Haynes anzurufen, doch mein Telefon fand kein Netz, also beschloss ich umzukehren, um Haynes vom Café aus zu erreichen. Ich folgte dem Weg zum Ausgang dieses höchst seltsamen Geländes. Hinter einer Kurve stand ein Haus, es war hell erleuchtet. Ich war erstaunt, es war mir vorher nicht aufgefallen. Ich trat näher, vor dem Haus stand ein Schild: HAUS 6, hieß es darauf. Ich musste es einfach übersehen haben, dachte ich. Ich klingelte.

Man öffnete mir schnell. Ein Mann stand dort, er hatte eine Taschenlampe in der Hand.
„Sie müssen Christian sein“, sagte er mit weicher, leiser Stimme. Es war Haynes. Er sah sehr blass aus, er hatte dunkle Ringe unter den Augen, er musste ein vielbeschäftigter Mann sein.
„Das bin ich, und sie sind Haynes?“ entgegnete ich.
„Bitte..“, sagte Haynes „..nennen sie mich John. Und treten sie ein, es ist schon spät, sie müssen müde sein von der langen Reise“
Ich folgte ihn durch einen Flur in eine Art Aufenthaltsraum. Es war ein sehr langer Raum, darin befand sich ein großer Tisch, wie er in Konferenzräumen zu stehen pflegt. Ein kleiner eingelassener Kamin am Kopf des Raumes spendete Wärme und auch etwas Licht. Auf dem Tisch waren allerlei Köstlichkeiten gedeckt, Schalen voll Obst, vornehmlich dunklen Trauben und etwas erhöht waren Platten mit kaltem Filetscheiben aufgestellt worden.
„Bitte greifen sie doch zu“ sagte Haynes „und verzeihen sie, dass ich nicht mit ihnen speisen kann, ich kann nach Einbruch der Dunkelheit nichts mehr zu mir nehmen.“
Ich zögerte, doch der Hunger überwog. Das Fleisch war fein und das Obst frisch und von vollem Geschmack. Haynes schenkte mir ein Glas Weißwein ein. Ich trank in großen Schlücken.
„Also das Interview...“ setzte ich an.
„Ach ja, das Interview...bitte, sorgen sie sich nicht um das Interview, wir können es morgen führen, essen sie, wir haben hier einige Gästezimmer, wissen sie...“ sagte Haynes. Sein Gesicht sah im Schein des Feuers auf einmal viel freundlicher aus. Ich fragte mich, woher mir die ganze Szenerie wohl bekannt vorkam, doch so angestrengt ich auch nachdachte, es wollte mir nicht einfallen. Haynes, der Hirnforscher, schien meine Anstrengungen zu bemerken. Er wirkte nun auf einmal sehr aufgebracht, erhob sich und zog eine mit Elektroden übersäte Kopfhaube aus einer Schublade.
„Bitte, lassen sie mich ihnen helfen, es ist das modernste Heilmittel der Welt“ zischte Haynes und näherte sich mir mit der Haube. Erst jetzt bemerkte ich den Kernspintomografen. Mich überfiel Panik, doch ich musste Haynes Vertrauen gewinnen, und so ließ ich es geschehen.
Hastig stülpte mir Haynes die Elektrodenhaube über den Kopf und drängte mich zur Kernspin-Röhre. Ich wurde auf einmal sehr ruhig und legte mich beinahe apathisch auf die Bare. Es war, als handelte ich determiniert. Langsam wurde ich in die Scan-Röhre gefahren. Was dann geschah, habe ich nur noch wie einen flüchtigen Fiebertraum vor Augen.

Zur gleichen Zeit lag, weit weg von Berlin, meine Geliebte bereits in ihrem Bette, als eine Fledermaus durch das zum Lüften noch geöffnete Fenster in das Zimmer eindrang und sich in den Gardinen festbiss.



30.12.2007



Zum Jahresausklang noch etwas Journalisten-Bashing. „Geliebtes, Dunkles Land“ ist nicht etwa eine wieder aufgetauchte Karl May-Erzählung, sondern ein sehr erfolgreiches Buch der Spiegel-Autoren Susanne Koelbl und Olaf Ihlau. Koelbl war öfter in Afghanistan als jeder andere Journalist aus Deutschland. Ihlau war zuletzt Leiter des Ressorts Ausland beim Spiegel. Keiner wird ihre Kompetenz in Frage stellen wollen, außer vielleicht Peter Scholl-Latour. Aber über diese Spiegelschreibe, die die beiden in ihrem ansonsten sicherlich sehr informativen Buch zelebrieren, muss auch mal gesprochen werden. Dieses ewige szenische Einsteigen, diese Metaphern...lesen wir deshalb mal die Kapitelanfänge quer:

Vorwort:
„Ein betörender Sog ging stets von diesem Flecken Erde aus mit seinem weiten blauen Himmel und der glasklaren Luft, den majestätischen Schneegipfeln von über 7000 Metern Höhe und den Flusstälern mit den Ahorn- und Eukalyptusbäumen. (...) Die machtvolle Natur lässt bereits einen Vorgeschmack auf die Extreme erahnen, die den Besucher am Hindukusch erwarten.“

Kapitel 2:
„Der Tag mit Präsident Karzai beginnt früh. Es ist 8.45 Uhr im Regierungspalast in Kabul. Schnee liegt auf den Wiesen zwischen der kleinen Moschee mit den blauen Zwiebeltürmen und dem Büro des Präsidenten. Eine Allee führt durch das parkartige Gelände, auf dem eine unruhige Mischung kubischer Gebäude steht und andere Häuser mit Erkerchen, Kuppeln und Bögen.“

Kapitel 4 ( namens Ritt auf dem Tiger...)
„Wie eine Mondstation liegt die Stadt Quetta zwischen den sandbraunen Gipfeln der Berge von Chiltan, Takatu, Mordar und Zargun, Gewaltige Erdmassen schließen die 1700 Meter hoch gelegene Provinzhauptstadt ringartig ein...“

Kapitel 5
„Es ist ein kalter Frühlingsmorgen, und der Blumenkohlhändler im Distrikt Peschawar hat seine Ware mannshoch zur Pyramide aufgestapelt. Schützend schlägt er den Patou, ein wärmendes Wolltuch, um seine Schultern. Der Smog quillt von der Khyber-Pass-Straße hinüber in die Gassen des Schmugglermarkts. (...) Eine Waage im Schaufenster einer Verkaufsbaracke deutet darauf hin, dass sich hier mehr erwerben lässt als nur Haushaltswaren....“

Kapitel 6
Der Garten des Stammesfürsten Haji Agha Lalay liegt wie eine vcrborgene Oase hinter dem Basar von Kandahar. Auf dem Weg hängen Schafshälften am Fleischerhaken unter offenen Himmel, ein Zitronenhändler hofft auf Kundschaft. Aus einer Kebab-Bude steigt Ölrauch auf, und daneben hämmert ein Junge in einer Autowerkstatt auf ein Stück Blech ein. Ganz still ist es dagegen im garten von Haji Agha Lalay. Die Rosen blühen in hellem Gelb und Weiß, und ein Aprikosenbaum wirft Schatten auf die Terasse....“( wo ein paar Männer übrigens irgendwelchen Tee trinken. Ich tippe auf Minztee. )

Kapitel 7
„Im Gesicht des schwarzbärtigen Mullahs spiegeln sich Abscheu und Zorn, Kaskaden von Verwünschungen entspringen seinem Mund mit den blutroten Lippen.“

Kapitel 9
„Im Park einer vornehmen Residenz der alten ostafghanischen Handelsstadt Jalalabad überwuchern Blätterranken eine schattenspendende Pagode. Darunter sind rote Orienteppische ausgelegt, und auf den prall gefüllten Sitzkissen, die das Zimmer im Freien an den Seiten begrenzen, lässt es sich bequem zurücklehnen. Der Duft der Orangenbäume zieht herüber, und die Zikaden geben an diesem Vormittag ein lautstarkes Konzert. Hier, unter dem kühlen Blätterdach seines Anwesens empfängt Haji Zaman Ghamsharik bei Minztee....“

Kapitel 10
Die Luft im Arghandab-Tal duftet nach warmer Erde. Die Sonne hat die harte Scholle aufgewärmt. In der fruchtbaren Region um die Oasenstadt Kandahar (vgl. Kapitel 6) im Süden Afghanistans gedeihen die Granatäpfel und eine bestimmte süße Traube nach einem niederschlagsreichen Winter besonders gut. Doch nicht nur Obst wird hier in großen Mengen angebaut...“ (vgl. gähn, Kapitel 5)

Kapitel 14
„(...) Über das asketische Gesicht mit den flackernden, dunklen Augen huscht ein Lächeln...“

Kapitel 15
„Die kleine Stadt Shiberghan im Norden Afghanistans ist ein staubiger Marktplatz mit zahllosen Verkaufsbuden im Grenzgebiet zu Usbekistan. Die Gesichter der Einwohner zeigen bereits asiatische Züge, und ihre Augen sind oval geformt wie Mandeln.“

Kapitel 16
„(...) Mohammed Gulabzoi setzt ein spitzbübisches Lächeln auf, mit der rechten Hand massiert er seinen schwarzen Stalin-Schnauzer, und die Augen funkeln im fleischigen Gesicht des stämmigen Paschtunen...“

Kapitel 18
„Neustadt ist ein malerischer Ort an der deutschen Ostseeküste und die Heimat von Hans Delereé. Der vierundsechzigjährige Straßenbauingenieur könnte dort gemütlich im Café Wallburg auf der Terrasse sitzen, Käsekuchen essen und aufs Wasser schauen.“

Kapitel 19
„Es ist noch kühl an diesem Morgen, kurz vor acht Uhr. Vor der Polizeistation in Kandahar befindet sich ein rotweißer Schlagbaum...“

Kapitel 20
„Im Talkessel von Faizabad ist das Licht am späten Vormittag noch immer hell und milchig. Matt fällt es durch das Fenster auf das Bett von Mohammed Hussein.“

Total ärgerlich, so was, echt.




31.12.2007








Du meine Güte, was machen Sie denn hier unten?
moratorium

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